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rik März 2018

8 KÖLN Das

8 KÖLN Das Prostituiertenschutzgesetz trift die Damen, die hier ihrem Gewerbe nachgehen auf jeden Fall, sie können der Zwangsregistrierung kaum entkommen. ProstSchG: Männliche Prostituierte unter Sondergesetz Dr. Gottfried Lorenz ist den meisten durch seine Arbeit am Stolpersteinprojekt für homosexuelle Opfer der Nationalsozialisten und die Aufarbeitung der Verfolgungsgeschichte in der Hansestadt Hamburg nach 1945 bekannt. Ein weiteres Thema, das Lorenz seit einigen Jahren unter anderem in Vorträgen einem Publikum nahebringen will, ist die mann-männliche Internetprostitution. Über einhundert Interviews mit Sexarbeitern führte der 77-Jährige, erstellte sich sogar selbst Escort-Profile und machte so Erfahrungen aus erster Hand: „Ich urteile nicht vom hohen Ross und von außen, setze meine Erfahrungen aber auch nicht als Maßstab, sondern veröffentliche nur das, was von Kollegen bestätigt wird“, so Dr. Lorenz in Vorbereitung seiner neuesten Buchveröffentlichung. Der daraus entstandene Erfahrungsbericht der Prozedur der Registrierung ist eine deutliche Warnung vor staatlicher Gängelung, Menschen- und Sexualfeindlichkeit und ein Plädoyer für die Abschaffung des Prostituiertenschutzgesetzes. Dr. Lorenz gestattet den auszugsweisen Abdruck. *ck ESCORTS WOLLEN SICH NICHT REGISTRIEREN LASSEN In diesem Aufsatz geht es um die mannmännliche Internetprostitution, und diese wird von Männern über 25 Jahren vornehmlich in eigener Verantwortung und in Eigenregie betrieben – und vorzugsweise als Nebenjob. Weder Zuhälter noch Bordellbetreiber können somit einen solchen Escort veranlassen, sich registrieren zu lassen. Er muss diesen Weg aus Eigeninitiative gehen. Das bedeutet: Er muss den Mut haben, sich bei einer staatlichen Institution als Escort/als Prostituierter/als männliche Hure zu outen. Viele meiner Gewährsleute sind dazu nicht bereit, nur einer von ihnen hat es bisher getan. Überdies ist das Verfahren mit zwei oder drei Behördengängen aufwendig. ZEITAUFWENDIG, ÜBERFLÜSSIG UND DEMÜTIGEND Ich hatte als Inhaber von Escort-Profilen Mitte 2017 beschlossen, mich nach dem Prostituiertenschutzgesetz anzumelden und mich registrieren zu lassen, um authentische Aussagen über dieses Verfahren und über alles, was damit zusammenhängt, treffen zu können und mich nicht auf Berichte anderer oder Mutmaßungen verlassen zu müssen. So habe ich mit einem Anruf beim Gesundheitsamt einen Termin für die „gesundheitliche Beratung GESAH 14“ vereinbart. Vorgesehen war der 6. November 2017, 15 Uhr. Dieser Termin wurde kurzfristig am Vormittag des 6. Novembers abgesagt und verschoben. Der Rückruf zeigt, dass meine Telefonnummer im Computer der Behörde schon gespeichert war, ohne dass klar war, ob ich überhaupt unter das Gesetz fiele. Die vorgeschriebene gesundheitliche Beratung fand dann in einer freundlich-sachlich-höflichen Atmosphäre statt, bei der auch allgemeine Bedenken und Ängste gegen eine Registrierung angesprochen wurden: Die Indiskretionsgefahr vonseiten der Behörde, die Gefahr von Überwachungen und die Möglichkeit von neuen „rosa Listen“, wie sie während der NS-Zeit und der Nachkriegszeit gang und gäbe waren. Wie voraussehbar, versuchte die

KÖLN 9 Nach wie vor ist Sexarbeit Ziel moralischer Angriffe. Das Prostituiertenschutzgesetz könnte dies noch verschlimmern. Behördenmitarbeiterin die Bedenken und Ängste zu zerstreuen. Am Ende wurde eine im Computer gefertigte Karte „über die gesundheitliche Beratung nach § 10 ProstSchG“ mit Namen, Geburtstag und Beratungstag ausgefertigt und überreicht. Diese musste am Tag der Registrierung samt Wohnbescheinigung, Personalausweis und zwei Passbildern mitgebracht werden. Auch die Vereinbarung des zweiten Termins ist der Initiative des Escorts überlassen und ist wieder eine Beratung, als ob der Escort nicht wisse, was er tut. GEFAHR DER INDISKRETION UND ROSA LISTEN Ausgesprochen problematisch ist, dass die Daten nicht nur bei der zuständigen Dienststelle erfasst, sondern unverzüglich an die Finanzämter weitergeleitet werden. Nun müssen sich vermutlich nicht allzu viele Nebenjob-Dienstleister aus finanziellen Gründen über diese Weiterleitung Gedanken machen, da ihre monatlichen Einkünfte wohl selten die Grenze der Steuerpflicht überschreiten. Gedanken aber muss man sich machen, ob die Prostituierten-Daten bei den Finanzämtern wirklich geheim bleiben und nicht vielmehr einen Anreiz für Indiskretionen oder auch Erpressungen bieten. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wann Polizei oder Gesundheitsämter, Arbeitgeber und Berufsorganisationen offiziell Zugang zu den Akten und damit Informationen über die prostitutive Arbeit eines Menschen erhalten. Der Verdacht liegt nahe, dass das Prostituiertenschutzgesetz die Basis neuer rosa Listen für Gay-Escorts und schwarzer Listen, d. h. Asozialenlisten für Sexarbeiterinnen und männliche Escorts für Frauen, ist. Unmittelbar nach der Beratung erfolgte die Registrierung. Damit wird aus einem bisher unbescholtenen Mann, der einer bürgerlichen Profession nachgeht und ein anerkannter Fachmann in seinem Beruf ist, eine männliche Nutte unter Sondergesetz. Wer sich registrieren lässt, erhält eine lindgrüne Anmeldebescheinigung mit dem Text: „Die Inhaberin/der Inhaber dieses Dokumentes hat eine Tätigkeit nach § 3 ProstSchG angemeldet“ (plus englische Version). Dieser „Hurenpass“ enthält Namen (oder Alias-Namen), Vornamen, Geburtsort, Geburtsdatum, Staatsangehörigkeit, Passbild, Tag der Ausstellung, und nennt die ausstellende Behörde sowie die Verwaltungsnummer. Diese Anmeldebescheinigung ist bei der Sexarbeit mitzuführen, zusammen mit der oben erwähnten, von der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz ausgestellten „Bescheinigung über die gesundheitliche Beratung nach § 10 ProstSchG“. DER „BOCKSCHEIN“ IST ZURÜCK Damit ist der alte „Bockschein“ in abgeschwächter Form wiederauferstanden. Und man hat den Verdacht, dass in absehbarer Zeit erneut eine zwangsweise Intimuntersuchung auf STDs (Sexually Transmitted Diseases = Geschlechtskrankheiten), wie sie das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (GeschlKrG) volkstümlich Bockschein, vom 23.7.1953 bis zum 31.12.2000 vorgesehen hatte, verordnet werden wird. Ich halte dieses Gesetz für verheerend. Es ist kein Prostituiertenschutzgesetz, sondern ein Prostituiertendiskriminierungsgesetz. Ich kann aufgrund der geschilderten persönlichen Erfahrungen nur dazu raten, sich als haupt- oder nebenberufliche Sexarbeiterin oder Sexarbeiter – wenn nur irgendwie möglich – nach diesem Gesetz nicht registrieren zu lassen, da die Registrierung der Diskriminierung Tür und Tor öffnet, denn durch dieses Gesetz wird – wie oben erwähnt – eine unbescholtene Bevölkerungsgruppe prinzipiell unter Sonderrecht gestellt. Und wieder gehören schwule und lesbische Menschen dazu. Dr. Gottfried Lorenz Der gekürzte Erfahrungsbericht ist Teil des Buchs „Todesurteile und Hinrichtungen wegen homosexueller Handlungen während der NS-Zeit – Mann-männliche Internetprostitution. Und andere Texte zur Geschichte und zur Situation der Homosexuellen in Deutschland“, das im Sommer im LIT-Verlag Münster (www.lit-verlag.de) unter ISBN 978-3-643-13992-4 erscheinen wird.

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