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rik März 2018

6 KÖLN FOTOS: MKFFI NRW

6 KÖLN FOTOS: MKFFI NRW / H. SEVERIN Interview mit Minister DR. JOACHIM STAMP „Die Szene ist für mich kein Neuland“ Seit dem 30. Juni 2017 hat Nordrhein-Westfalen eine neue Landesregierung. SPD und Bündnis 90/Die Grünen wurden von den Bürgerinnen und Bürgern abgewählt, seitdem stellen CDU und FDP die neue Landesregierung. Durch diese politische Veränderung fragen sich viele in der Community, wie es weitergeht mit einer Regierung aus Christdemokraten und Freien Demokraten. Die neue Landesregierung hat in ihrer Zusammenstellung der Ministerien die Zuständigkeiten neu geordnet. So wurde aus dem Landesministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport das neue Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. Im Rahmen dieser Neuordnung bekam das Ministerium das Referat für LGBTIQ*-Angelegenheiten. Minister Dr. Joachim Stamp ist verheiratet und hat zwei Töchter. Seit 2012 ist er Abgeordneter im Landtag von Nordrein- Westfalen. Zuvor war er Büromitarbeiter im Bundestagsbüro von Guido Westerwelle und Referent für Politische Bildung an der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach. Dr. Joachim Stamp ist auch stellvertretender Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. Als neuer „LGBTIQ*-Minister“ rutschen Sie in eine Szene hinein, die für einen heterosexuellen verheirateten Mann eher Neuland ist. Waren Sie schon einmal in einer Schwulenbar? Die Szene ist für mich kein Neuland. Ich habe einen schwulen Cousin, der für mich wie ein großer Bruder ist, und schwule und lesbische Freunde und Bekannte. Und mit denen war ich auch schon mal in einer Schwulenbar. Wie wichtig sind für Sie persönlich die LGBTIQ*-Themen? Faire Chancen und geltende Bürgerrechte für lesbische Frauen und schwule Männer, für Bisexuelle sowie Trans*- und Inter*- Menschen gesellschaftlich durchzusetzen, das ist für mich politisch immer schon ein wichtiges Anliegen. Neuland sind die Themen LSBTI* daher für mich nicht. Mir ist es ein persönliches Anliegen, dass die vielfältige und offene Gesellschaft in NRW gestärkt wird. Gerade junge Menschen sollen die Chance haben, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität ohne Diskriminierung oder Diffamierung aufwachsen zu können. Ich möchte, dass bei uns in Nordrhein-Westfalen jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann. Warum ist es für die neue NRW- Regierung so wichtig, dass das Referat für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und

KÖLN 7 Intersexuelle an das Ministerium für Familie und Integration angebunden wird? Für mich ist das ein wichtiges politisches Statement. Und das habe ich im Übrigen auch in meiner ersten Rede vor dem Bundesrat genau so betont. Der Bereich ist im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration und dort in der Abteilung Familie bestens angesiedelt. Regenbogenfamilien gehören selbstverständlich mit unter das Dach der Familien mit ihren vielfältigen unterschiedlichen Lebensformen. Hier lassen sich in einer Abteilung viele Synergieeffekte herstellen, die es auch zu den anderen Abteilungen im Haus gibt. Als neuer Minister für LGBTIQ*- Angelegenheiten treten Sie in große Fußstapfen, die in den letzten 15 Jahren insbesondere von den Grünen ausgefüllt wurden, und dieser grüne Einfluss ist in der Community stark zu spüren. Die Sympathie zu den Grünen ist größer als die zur FDP. Wie wurden Sie von der Community als neuer Minister empfangen? Ich bin von den engagierten und kompetenten Verbänden und der LSBTI*-Selbsthilfe wohlwollend und mit großer Offenheit empfangen worden. Wen aus der Community haben Sie in Ihren ersten 200 Tagen getroffen und wer oder was hat Sie am meisten begeistert? Einer meiner ersten Termine als Minister war die CSD-Abschlussveranstaltung auf dem Heumarkt in Köln. Auch da hatte ich schon viele interessante Begegnungen und konstruktive Gespräche mit der Community. Auch einer der allerersten Termine, die Staatssekretär Andreas Bothe wahrgenommen hat, war im Rahmen der CSD- Aktion der Organisation Jugend gegen AIDS e. V. am Flughafen Köln/Bonn. Es war mir ein großes Anliegen, mich mit den Vertretungen der Verbände der LSBTI*-Selbsthilfe dann möglichst schnell zusammenzusetzen und mit ihnen über das, was ihnen unter den Nägeln brennt, auszutauschen. Schon Anfang Oktober hat das erste Treffen mit der LAG Lesben in NRW, dem Schwulen Netzwerk NRW und der Landeskoordination Trans* im Ministerium stattgefunden. Das Gespräch war sehr konstruktiv. Wir haben verabredet, uns einmal jährlich zusammenzusetzen. Auf den regelmäßigen Austausch freue ich mich. Die Gleichstellung der Ehe und der Adoption sind nun umgesetzt. Was muss ihrer Ansicht nach als Nächstes angepackt werden? Auf der Bundesebene steht aus meiner Sicht insbesondere im Bereich Trans* und Inter* einiges auf der Tagesordnung. Hierzu werden wir uns mit den anderen Bundesländern austauschen, um einen gangbaren Weg der Umsetzung für den Bundesverfassungsgerichtsbeschluss zu begleiten und die anstehende Novellierung des Trans-sexuellengesetzes zu initiieren. Viele fragen sich, was die neue Regierung mit den laufenden Projekten der Vorgängerregierung macht. Was können Sie den Bedenkenträgern sagen? Ich erlebe die LSBTI*-Community als offen und aktiv, nicht als skeptisch. Im Kampf gegen Diskriminierung und Gewalt an LSBTI* werde ich selbstverständlich Bewährtes fortsetzen, es ist ja nicht alles verkehrt, was die Vorgängerregierung gemacht hat. Aber darüber hinaus werden wir auch neue Wege gehen. Es ist insbesondere in Zeiten rechtskonservativer Strömungen, in denen das Erstarken der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit leider anwächst, wichtig, gerade auch den LSBTI*-Bereich weiter zu stärken und Flagge zu zeigen. Wir zeigen null Toleranz gegenüber Homo- und Transphobie, ebenso wie gegenüber Rassismus und Antisemitismus. Wie wird die NRW-Regierung sich einbringen, in NRW selber und im Bund? Wir unterstützen beispielsweise Aufklärungs- und Toleranzprojekte in den Schulen und der Jugendarbeit, aber auch Projekte für Senioren. Wir wollen eine „Allianz für Vielfalt und Chancengerechtigkeit“ gründen. Dabei umfasst „Vielfalt“ Menschen jeden Geschlechts, Menschen mit Behinderungen oder Migrationshintergrund, LSBTI*, Menschen jedweden Alters oder Religion. Gibt es schon konkrete Pläne für LGBTIQ*-Projekte, die Sie als Minister ins Leben rufen wollen? Es gibt nicht nur Pläne, sondern wir sind schon tatkräftig dabei, sie auszugestalten. Dabei setzen wir auch auf die sehr kompetente und engagierte Unterstützung der LSBTI*-Infrastruktur. Ein aktuell spannendes Projekt läuft bei der Kampagne „anders und gleich. Nur Respekt Wirkt“. Sie erarbeitet derzeit unterschiedliche Medien, die Argumentationshilfen gegen Diskriminierung durch Sprache enthalten werden. Ein anderes Beispiel: Die Landeskoordination der Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben, Schwule und Trans* in NRW ist sehr engagiert im Bereich der Gewaltprävention. Auf ihrer Arbeits-Agenda steht zum Beispiel ein Kurzfilm zum Thema LSBTI*-Geflüchtete. Er soll wachrütteln, unsere Werte vermitteln und aufzeigen, dass LSBTI* bei uns gleiche Rechte auf Liebe in Freiheit und Würde haben. Wir haben unter anderem Gespräche mit dem Vorstand des Centrums Schwule Geschichte geführt, um demnächst einen Antrag für diverse Medien zur Aufarbeitung der Geschichte des § 175 StGB zu unterstützen. Auch dieser Aufgabe widmen wir uns, wie bereits im Koalitionsvertrag angekündigt. Wir bauen zudem ab 2018 das Projekt SCHLAU NRW aus. Durch die Förderung aus dem Kinder- und Jugendförderplan wird die Landeskoordination eine zweite hauptamtliche Stelle erhalten. Das Projekt ist für die Arbeit mit Jugendlichen gegen Diskriminierung wichtig. NRW ist das Bundesland mit den meisten CSDs in Deutschland. Wird es für Sie 2018 einen CSD-Marathon geben? Welche CSDs werden Sie auf keinen Fall verpassen? Ja, die vielen CSDs in NRW spiegeln die Vielfalt und das hohe Engagement der LSBTI*-Selbsthilfe wider. Jeder steht für sich, jeder ist wichtig. Wie im letzten Jahr werde ich gerne versuchen, auch in diesem Jahr dabei zu sein. An welcher Veranstaltung ich persönlich teilnehmen kann, hängt letztlich vom Terminkalender ab. Interview: Sebastian Ahlefeld

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.