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rik Februar / März 2022

22 Gesellschaft

22 Gesellschaft REPORTAGE Zwischen DAVIDSTERN und REGENBOGENFLAGGE Queere Jüd*innen müssen seit Jahrzehnten um Anerkennung kämpfen, nicht nur in den jüdischen Gemeinden – auch in der LGBTIQ*-Szene. Doch seit ein paar Jahren wird queer-jüdisches Leben in Deutschland sichtbarer. 2021 feierte das jüdische Leben in Deutschland 1.700-jährigen Geburtstag. 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, das heißt auch, dass seit 1.700 Jahren queer-jüdische Menschen in Deutschland leben. Nicht immer sind sie willkommen – weder in der jüdischen noch in der queeren Gemeinschaft. „Die übelsten Sprüche über Juden habe ich von schwulen Männern gehört“, klagt David Friedländer. Der homosexuelle Anwalt lebt in Düsseldorf und ist einer von etwa 100.000 aktiven jüdischen Gemeindemitgliedern in Deutschland. „Das ärgert mich sehr. Ich habe wirklich viel Verständnis, auch für einen saloppen Spruch. Denn nicht hinter jeder unsensiblen Aussage steckt gleich eine böse Absicht. Aber wenn jemand selber durch die Gesellschaft Diskriminierungen erfahren hat und sich dann über andere erhebt und sie abwertet, verstehe ich das nicht“, sagt der 41-Jährige. „Man würde ja meinen, eine Minderheit sei reflektierter und wäre deshalb sensibler in Bezug auf die Befindlichkeiten anderer Minderheiten. Dem ist aber oft nicht so.“ Mal bekommt Friedländer mit, wie sich Bekannte über „scheiß Juden” unterhalten, mal wärmen Freunde, die nicht wissen, dass er jüdisch ist, beim Spieleabend antisemitische Klischees auf. „Wir spielen Monopoly und auf die Frage, wer die Bank übernimmt, antwortet jemand: ,Ach, haben wir keinen Juden hier?‘“ Trotzdem fühlt sich Friedländer nicht diskriminiert. Allerdings schränkt er ein: „Ich würde nicht Händchen haltend und mit Kippa durch jede Stadt in Deutschland laufen.“ Michal Schwartze beschäftigt sich seit Jahren mit jüdischem Queer-Feminismus. Für die Lehrerin und queer-feministische Aktivistin ist nicht nur Antisemitismus in der LGBTIQ*-Szene ein Problem. „Ich bin religiös und das ist mir auch sehr wichtig. Aber da treffe ich oft auf Unverständnis. Mir kommt das wie eine generelle Religionsfeindlichkeit vor“, sagt die 44-Jährige. Problematisch sei es auch, dass nicht zwischen Jüd*innen und Israel unterschieden werde. Vor allem in Berlin kritisieren viele Queers die Politik Israels gegenüber Palästina. Immer wieder werden queere Jüd*innen deswegen angegriffen und für das Verhalten Israels verantwortlich gemacht, obwohl das „mit der Perspektive queer-jüdischer Menschen in Deutschland eigentlich nicht so viel zu tun hat“, sagt Schwartze. DER HOLOCAUST WAR DER ULTI- MATIVE BRUCH Ungefähr 200.000 Menschen jüdischen Michal Glaubens leben heute Schwartze in Deutschland. Nur etwa die Hälfte von ihnen ist in Gemeinden aktiv. Die Mehrheit kam in den 90er-Jahren und Anfang der 2000er

Gesellschaft 23 FOTO: TOA HEFTIBA / UNSPLASH als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Bevor die Nationalsozialist*innen 1933 die Macht in Deutschland übernahmen, lebte etwa eine halbe Million Jüd*innen in Deutschland. 1950 waren es nicht einmal mehr 15.000. Der Holocaust markierte den ultimativen Bruch – auch beim Entstehen einer queer-jüdischen Identität. Dabei war Deutschland die Wiege des liberalen Judentums, und Vorreiter der Homosexuellen-Bewegung wie Magnus Hirschfeld waren jüdisch. Nach der Shoa gab es nur noch wenige jüdische Familien in Deutschland. Während sich in den USA, wo es viele große jüdische Communitys gibt, mit der Zeit eine pluralistische queer-jüdische Stimme bildet, mit queeren Rabbiner*innen und queeren Gemeinden, braucht diese Entwicklung in Deutschland sehr viel länger. Da ist zum einen die gesamtgesellschaftliche Situation in Nachkriegsdeutschland, in der Queersein lange noch kriminalisiert wird und bestenfalls geduldet ist. „Als ich mich Anfang der 90er geoutet habe, gab es keine Homoehe, das waren ganz andere Zeiten“, erzählt Schwartze. Und da sind auch die jüdischen Familien, „welche die letzten Jahrzehnte berechtigterweise so eine Furcht vor Antisemitismus hatten, dass offene Queerness fast Panik auslöste, noch mehr zur Zielscheibe zu werden“, erzählt Debora Antmann, Kolumnistin, Autorin und politische Bildnerin, die zu queer-jüdischer Geschichte forscht. „Als ich mich Anfang der 90er geoutet habe, gab es keine Homoehe, das waren ganz andere Zeiten“ Erst Berlin mit seinen verschiedenen jüdischen Strömungen angehörenden Synagogen und als Zufluchtsort für die queere Szene entwickelt sich mit der Zeit zum Inkubator und schließlich zum Zentrum für queer-jüdische Strömungen. „Berlin ist für mich am erträglichsten“, sagt Antmann. Als queere Person sei die Hauptstadt für sie ein guter Ort, als Jüdin sei es schwierig. Dieses Zwischen-den-Stühlen-Stehen ist typisch für die Erfahrung von queeren Jüd*innen in Deutschland. Denn so richtig wohl hat sich Antmann auch in der queeren Szene nie gefühlt: „Viele Jüd*innen wie ich fühlen sich in der LGBTIQ*-Szene nicht zu Hause, sehr fremd oder manchmal auch nur ein wenig anders, aber dadurch immer so ein bisschen off.“ Ein Grund dafür sei die christliche Dominanzkultur, die es in Deutschland gebe, auch in nicht-religiösen Kontexten, erklärt Antmann. „Ein Beispiel ist die unterschiedliche Gesprächs- und Problemkultur. In der christlichen Dominanzkultur gehen wir davon aus, es gibt ein Richtig und ein Falsch. Ein*e Autor*in schreibt etwas zu einem Gedanken und möchte dabei erreichen, dass die Leser*innen diesen verstehen“, sagt Antmann. Das sei aus jüdischer Perspektive eine seltsame Vorstellung, an Probleme heranzugehen. „Im Judentum schreibt man einen Text gar nicht erst so, dass er eine klare Botschaft hat, sondern so, dass er möglichst viele Fragen aufwirft. Die Leute sollen unterschiedliche Dinge verstehen und miteinander ins Gespräch kommen, um in dieser Reibung Wissen zu generieren.“ Angetrieben von dem Gefühl, als lesbische Jüdin in der queeren Szene nicht ganz dazuzugehören, suchte Antmann nach den Wurzeln für dieses Gefühl der Fremdheit. „Und da habe ich festgestellt: Das ist kein neues Thema, das kennt nur niemand mehr“, sagt sie. Bei ihrer Forschung stößt sie auf den lesbisch-feministischen Schabbeskreis, die erste offen queerjüdische Bewegung der Nachkriegszeit. Die Frauen des Schabbeskreises – jüdisch und nicht-jüdisch – fanden sich 1984 wegen antisemitischer Tendenzen in der Feministinnenbewegung zusammen. Sie alle einte das Gefühl, dass die Bewegung eine Wirklichkeit darstellt, die ihre Perspektive übersieht. „Es war eine Realität aus Schweigen, Lücken, Nicht-Erzählen und Täter-Opfer-Umkehr“, berichtet Antmann. Schon durch ihre Existenz wird die Gruppe zur Provokation. Antmann holt tief Luft und zählt die Vorwürfe aus der feministischen Szene auf, die den Frauen vorgeworfen wurden. Der Schabbeskreis sei gegründet worden, um anderen ein schlechtes Gewissen

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.