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rik Februar/März 2021

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Raus in Köln!

28 GESUNDHEIT

28 GESUNDHEIT SEXUALITÄT Brauchen wir noch schwule Sexorte? Wir alle, unabhängig von Geschlecht und Orientierung, sind durch die Pandemie mit Fragen der Sexualität konfrontiert, die wir uns im Vor-Corona-Alltag nicht so oft, weniger intensiv oder gar nicht stellten. Unsere Sexualität – und hier beginnen die Differenzierungen in Sachen Identität und Orientierung, es geht im Nachfolgenden um die mann-männliche (MSM), die schwule oder bisexuelle Sexualität – ist seit den sich nun jährenden ersten Kontaktbeschränkungsmaßnahmen Teil des öffentlichen Diskurses geworden. Von Saunaverboten bis Razzien in Cruising- Bars und –Gebieten reicht die Bandbreite staatlicher Repression von Sex zwischen Männern*. Noch härter traf es die, die Sex und Zärtlichkeit als Wirtschaftsgut veräußern: die Sexarbeiter*innen. Auch in den sozialen Medien und im privaten Rahmen wurde Sexualität nach der trügerischoptimistischen Euphorie der PrEP wieder moralisch gebrandmarkt. Vielfach wurde die Regulierung der Sexualität im wahrnehmbaren Teil der homonormativen Mehrheitscommunity als sinnvolle Anti-Corona-Maßnahmen hingenommen und selbstverständlich in Teilen auch berechtigt, unterstützend verteidigt. Dennoch ist auffällig, wie schnell das hart erkämpfte Gut der freien Sexualität, mit seinen Konzepten von Partnerschaft jenseits von Ehebett und Wohnzimmer-Couch, nicht einmal mehr erwähnenswert schienen, ja sogar von seinen eigenen Nutznießern in Frage gestellt wurde. Die Deutsche Aidshilfe (DAH) hat sich nach anfänglicher Orientierungsphase zu einem der stärksten Sprachrohre jener gemacht, die sich ganz leise resignierend oder laut weinend ihrer Sexualität und der dazugehörigen Räume beraubt sahen und sehen. Ende 2020 organsierte der Verband im Berliner SchwuZ daher auch eine ganz besondere Sonderversion seines traditionellen Wirtetreffens der LGBTIQ*Szene. Es kamen – unter Einhaltung strenger Corona-Vorschriften – Betreiber*innen und Inhaber*innen von Orten der homosexuellen (und teilweise queeren) Sexualität aus der ganzen Bundesrepublik zusammen, um darüber zu diskutieren, ob und wie ein Morgen danach aussehen könnte. Und man* holte sich Rat bzw. wissenschaftlichen Input bei und von dem deutschen Fachmann für mann-männliche Sexualität, Professor Dr. Martin Dannecker. Sein Vortrag war wie folgt überschrieben: „Der eine braucht es mehr, der andere braucht es weniger – wie viel Promiskuität braucht es für eine zufrieden Sexualität?“ Was sagen Studien über „den promisken Schwulen“? Ist an dem Vorurteil des omnipotenten und ständig nach Sex suchenden Schwulen etwas dran? Allen Klischees liege ein wahrer Kern zugrunde, sonst würde die Lust an der Aufrechterhaltung der Klischees vergehen, sagt der Professor. Das Klischee des promiskuitiven Schwulen findet sich allerdings sogar in der Wissenschaft wieder, beispielhaft zitiert Dannecker aus einer Schweizer Arbeit im Fach Psychologie: „Homosexuelle sind bekannt für ihre Untreue, Homosexualität und Promiskuität sind fast schon Synonyme. Homosexuelle selbst lieben es, sich mit wechselnden Partner zu zeigen. Die Darkrooms und die Parkszenen sind ohne ständigen Objektwechsel nicht denkbar.“ Süffisant und mit einem Anflug von Altherrenwitz, weißt Dannecker darauf hin, dass die Autorin des Textes keine empirische Datenbasis angibt und sich ihre Erfahrung demnach vielleicht aus ihrer klinischen Beobachtung, also der Behandlung schwuler Patienten nährt: „Das könnte ja eine besondere Perspektive sein.“ Allerdings könnten zunächst auch die empirischen Studien der Sexualwissenschaft über die möglicherweise konkreten psychischen Gründe für Partnerwechsel unter Schwulen nichts aussagen. Das gleiche gelte für die Beantwortung der Frage wie viel an Promiskuität notwendig ist, um individuell ausreichend für Befriedigung oder zumindest Beruhigung zu sein.

WIE OFT MACHT SCHWULER MANN* ES? Über die Verbreitung von Promiskuität unter schwulen Männern gibt es nach Ansicht von Dannecker mehrere und in ihren Ergebnissen vergleichbare Studien. Seine mit Richard Lemke 2010 durchgeführte Onlinebefragung ergab: ■ ■ ■ Fast 30 Prozent hatten in den sechs Monaten vor der Befragung nur einen oder keinen Sexualpartner 41 Prozent gaben zwischen zwei bis fünf Sexualpartner an 15 Prozent zwischen sechs und zehn Sexualpartner Der Anteil mit mehr als zehn verschiedenen Partnern, was etwa zwei pro Monat ergibt, lag bei 15 Prozent. Die überwiegende Mehrheit der schwulen Männer scheint, so Dannecker, also „weit entfernt von einem promisken Verhalten zu sein.“ Diese ungefähre Verteilung habe sich in den vorhandenen Querschnittsstudien über die Jahre nicht signifikant geändert. Trotz mehr Möglichkeiten des Partnerwechsels durch Saunen und Darkroom-Bars. Im Gegenteil geht Dannecker sogar davon aus, dass die Befragungen wegen der über Datingseiten und Chatportale erreichten Teilnehmer, eher einen überhöhten Anteil aufweisen. Es könne aber auch sein, dass die digitalen Kontaktanbahnungen, das Austauschen von sexuellen Vorlieben und Beschreiben von Wünschen in Chats und Foren bereits eine Erfüllung des psychischen Wunsches nach Promiskuität bedeutet. Die Zahl der tatsächlichen, also realen Sexualkontakte, könnten dann zurückgegangen sein. Dies müsse weiter erforscht werden. ANYTHING GOES? AB 30 WIRD ES SPEZIELL! Seit 1987 wird in Deutschland im Abstand von rund drei Jahren eine große Befragung von MSM durchgeführt. Der schwule Soziologe und Aktivist Michael Bochow hatte sie bis 2013 geleitet, 2012 machte vor allem eine Erkenntnis Professor Dannecker stutzig: Zwar steigt der Anteil der Männer, die mit mehr als zehn anderen Sex hatten, bis zum Alter von 30 Jahren an, bleibt dann aber relativ konstant. Dannecker mutmaßt – und hier beigebt er sich dann doch auf ähnlich dünnes Eis, wie die von ihm Eingangs zitierte Psychologin –, dass es mit zunehmendem Alter zur Entwicklung von Mustern, also sexuellen Vorlieben kommt. Diese Muster seien so fest, dass sie selbst nach einer in der Verliebtheitsphase durchbrechenden Flexibilität häufig dominant bleiben und einer der möglichen Antriebe für den Wunsch nach Partnerwechsel sein könnten. Dieser wiederum würde aber weniger wahllos als selektiv und den sexuellen Vorlieben entsprechend organisiert. „Die reale Nähe zu jenen Bezirken der Szene, die durch promiskes Treiben gekennzeichnet sind, scheint jedenfalls sehr viel geringer zu sein, als es mir meine eigene Lebenserfahrung vorgaukelt.“ GESUNDHEIT 29 In einer 2013 durchgeführten Studie im Auftrag der DAH wurde die Nutzung queerer Infrastruktur untersucht. Das für Dannecker erstaunlichste Ergebnis hinsichtlich der Fragestellung, ob der schwule Mann per se promiskuitiv sei, war: 70 Prozent der Befragten haben in den zwölf Monaten vor Studienteilnahme weder einen Ort queerer Geselligkeit (Bars, Cafés) noch schwule Sexorte (Saunen, Parks) aufgesucht. Der Anteil derer, die eindeutig nur oder fast immer Sexorte aufsuchten und somit einer promisken Lebensführung nachgehen könnten, lag bei nur rund fünf bis sieben Prozent. Dannecker wollte diese Zahlen kaum glauben. Er meinte, seine eigene Erfahrung spreche eine so deutlich andere Sprache, dass etwas an den Zahlen nicht stimmen könne. Nach eingängiger Selbstprüfung musste er sich mit einer Erkenntnis anfreunden, die vielen bekannt sein dürfte: Das Beziehungsnetzwerk wird stark durch die Fokussierung auf Vorlieben geprägt. Die digitalen Werkzeuge der Selektion verstärken diesen ganz natürlichen Vorgang so stark, dass die eigene Empfindung der Realität die tatsächliche überstrahlt. Zusammenfassend gibt es laut Dannecker also nur eine kleine Gruppe unter Schwulen, die über lange Zeit mit vielen wechselnden Partnern Sex hat und die diesbezügliche Angebote der Szene so nutzt, dass Promiskuität angenommen werden kann. Aber was heißt das eigentlich? Fortsetzung auf männer.media! INFO Martin Dannecker Der „Oswalt Kolle“ der schwulen Sexualität wird Martin Dannecker auch genannt. Der 1942 in Oberndorf am Neckar geborene außerplanmäßige Professor am Institut für Sexualwissenschaft in Frankfurt, verhalf dem Thema Homosexualität durch die Veröffentlichung der großen Studie „Der gewöhnliche Homosexuelle“ 1974 erstmals seit der Zerschlagung von Magnus Hirschfelds „Institut für Sexualwissenschaften“ durch die Nationalsozialisten wieder zu einem festen Platz in Wissenschaft und Lehre. Schon 1971 war als Co-Autor bei Rosa von Praunheims erstem Filmerfolg „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ maßgeblich daran beteiligt, auch die öffentliche Wahrnehmung der Themen Homosexualität und Geschlechtsidenditäten maßgeblich zu verbessern. Besonders in Zeiten der AIDS-Kriese in den 1980er und 1990er Jahren war er gefragter Fachmann. Inzwischen genießt er seinen Ruhestand in Berlin. Außer er wird gerufen! Sein aktuelles Buch ist ein dringender Lesetipp! Fortwährende Eingriffe“ von Martin Dannecker, Buch / Broschur, 232 Seiten, ISBN 9783863002718, www.maennerschwarm.de

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.