Aufrufe
vor 1 Jahr

rik August/September 2020

Die rik (steht für Raus in Köln) erscheint seit April 1985.

MUSIK INTERVIEW KIARA

MUSIK INTERVIEW KIARA NELSON: Von Karaoke, Justin Bieber und dem Glück, das richtige Team zu finden. Lass uns so tun, als wäre alles normal, beschließt Kiara Nelson am Anfang unseres Gesprächs. Dabei hat die Sängerin kein Problem damit, sich auch den dunklen Seiten des Lebens zu stellen: „Es ist okay, sich nicht okay zu fühlen“ ist eines ihrer Mantras. Ihr strahlender Pop leidet deswegen aber nicht an Depressionen oder einen Mangel an Energie, selbst wenn sie über toxische Freundschaften singt. Was höchstwahrscheinlich an ihrem abenteuerlichen Leben liegt, denn geboren wurde sie in Jacksonville, Florida, doch aufgewachsen ist sie ausgerechnet in Finnland. „Mein Vater ist Afroamerikaner und meine Mutter eben finnisch, deswegen hat sie mich dort alleinerziehend aufgezogen. Seit meiner Kindheit bin ich aber immer sehr oft hin und her geflogen.“ Sie kann beide Länder auf ihre eigene Art schätzen. „Mit Amerikanern kommst du so schnell ins Gespräch, du kannst dich sofort mit jedem verbinden. In Finnland lernst du nicht einmal Leute kennen, wenn du mit ihnen zusammen im Fahrstuhl stecken bleibst! Aber zu Hause fühle ich mich trotzdem in Helsinki.“ Auch wenn sie sich gerade oft in Berlin und in Manchester rumtreibt, was etwas mit ihrem Team zu tun hat – doch dazu später mehr. „Mal sehen, wo ich in ein paar Jahren lebe“, stellt sie zurzeit einfach fest. Und wie könnte es anders sein: Gesungen hat sie eigentlich schon immer, „sogar schon, bevor ich gesprochen habe“, lacht sie. Aber richtig bewusst wurde es ihr erst, als sie mit fünf zu Weihnachten eine Karaokemaschine geschenkt bekam und Britney für sich entdeckte, ihr erstes Vorbild. „Ich hatte dann nie mehr einen anderen Wunsch als zu singen. Ich habe mich nie um die Schule gekümmert.“ Dort begann sie stattdessen aufzutreten, und ebenso vor Rentnern, einfach weil sie die Bühne suchte. Und dann erfuhr ein Freund von ihr, dass für einen Justin- Bieber-Auftritt in Finnland noch eine Sängerin gesucht wurde. „Wir nahmen ein Video auf und …“ tja, kurze Zeit später stand sie dann wahrhaftig auf der gleichen Bühne. Und das, obwohl sie noch hart an ihrem Lampenfieber zu knabbern hatte. Mittlerweile hat sie die Sache aber halbwegs im Griff: „Ich werde immer noch nervös und vielleicht wird es nie ganz verschwinden. Aber es wird besser, viel besser – und auf der Bühne ist es weg. Nur der Moment auf dem Weg dahin … Mir hilft Meditation. Spaziergänge. Einfach beschäftigt bleiben.“ Das sollte kein Problem sein, denn mittlerweile ist sie bei einem Major-Label angekommen. „Mein Team, mit denen ich die Songs schreibe, und ich, wir haben ihnen die Sachen mal geschickt. Und die waren interessiert und riefen sofort an. Ich denke, die Lieder kamen einfach beim richtigen Menschen an und er ist jetzt mein A&R.“ Ihr Team ist übrigens das deutsch-britische DJ- und Produktionsduo M-22. „Ich habe sie in Berlin bei einem Writing Camp getroffen und wir sind direkt ins Studio. Der erste Song kam praktisch sofort und es war der beste, den ich bis dahin je gemacht habe. Ich wusste, dass ich mit ihnen arbeiten wollte. We just clicked!“ Mittlerweile haben die drei zusammen so viele Songs entwickelt, dass sie glattweg zwei Alben herausbringen könnten, „aber wir wollen gerade nur Singles veröffentlichen. Wir wollen uns auf jeden Song einzeln konzentrieren!“ Und diese strotzen nur so vor Emotionen und Empowerment, ihr Pop ist sweet, aber nicht naiv. „Ich will, dass die Leute glücklich sind, dass sie tanzen!“ Alles also wirklich ganz normal. *fis

MUSIK NACHGEFRAGT LIANNE LA HAVAS’ DRITTES WERK Sich hinter einer coolen Fassade zu verstecken, wäre für Lianne La Havas eine Todsünde. Wenn sie Songs schreibt, wird es emotional – daran hat sich auch auf ihrem dritten Album „Lianne La Havas“ nichts geändert. Da analysiert sie die unterschiedlichen Phasen einer Beziehung. Auf das Kribbeln im Bauch folgen allmählich erste Zweifel an der Partnerschaft, schließlich bleibt nur eins: die Trennung. Die Frage, ob diese Geschichten aus dem Leben der Britin gegriffen sind, kann man sich eigentlich sparen. Für sie sind persönliche Texte fast eine Form von Selbsttherapie. Die Sängerin lacht. Ja, ja, sie sei daran interessiert, tief in sich zu gehen. In der Hoffnung, an dieser Innenschau als Mensch zu wachsen. Bloß kommen solch kontemplative Momente in der Hektik des Alltags meist zu kurz. Darum beschloss Lianne La Havas, nach einem Auftritt auf der Insel Java ganz allein Urlaub auf Bali zu machen. Sie entspannte sich, sie zeichnete oft oder hing einfach ihren Gedanken nach, dabei entwickelten sich etliche neue Ideen. Die arbeitete die 30-Jährige später im Studio mit ihrer eigenen Band aus – mal in London, mal in New York. So entstand eine komplett selbst produzierte Platte. Wer sie hört, kommt Lianne La Havas sehr nahe: „Die Lieder sind intim. Das bin wirklich ich.“ Dazu würde natürlich kein opulenter Sound passen. Also ließ die Musikerin alles Überflüssige weg. Mit der Ballade „Paper Thin“ hat sie ihr Gespür für akustische Klänge perfektioniert. Auch das melancholische „Courage“ präsentiert sich recht minimalistisch und erzählt von einem Moment der Verzweiflung. „Nach einer Trennung fängt man automatisch an zu grübeln“, sagt Lianne La Havas. „Daraus kann extreme Einsamkeit resultieren.“ Um diesen Tiefpunkt zu überwinden, braucht es Mut: „Nur wer sich seinen Problemen stellt, sieht irgendwann ein Licht am Ende des Tunnels.“ schwerer nehmen. Statt zu touren, gibt sie nun daheim in London Telefon-Interviews. „Wir leben in einer seltsamen Phase“, resümiert sie. „Aber vielleicht resultiert daraus ja etwas für eine positive Zukunft mit mehr Wirgefühl.“ Auf Gemeinschaftssinn zu setzen, das findet Lianne La Havas ebenso wichtig wie das Streben nach Selbstakzeptanz: „Wenn sich jemand in seiner eigenen Haut unwohl fühlt, kann er gar nicht so richtig die Liebe einer anderen Person annehmen.“ Des Weiteren sei es für eine Beziehung essenziell, dass die Partner die gleichen Werte hätten: „Monogamie und Polygamie lassen sich definitiv nicht in Einklang bringen.“ Lianne La Havas selbst hält es in Liebesdingen eher mit der Tradition: „Ich mag Zweierbeziehungen und möchte lediglich mit einem Mann zusammen sein.“ Einen potenziellen Lebensgefährten würde sie niemals im Internet suchen: „Dating-Apps sind nichts für mich.“ Sie ist eben ziemlich oldschool – auch als Musikerin. Permanent einem Trend beziehungsweise dem nächsten Hit hinterherzuhecheln, wäre nichts für sie. Lieber verlässt sie sich auf den Zauber ihrer hinreißenden Stimme, die sich über einen Mix aus Soul und Pop legt. Auf ihrem jüngsten Werk ist kein Song, mit dem Lianne La Havas nicht hundertprozentig zufrieden wäre. Schade nur, dass sie ihr Album nicht mehr ihrem Mentor Prince vorspielen konnte: „Ich glaube, er hat sich von mir immer eine Platte gewünscht, auf die ich aus vollem Herzen stolz bin.“ *Dagmar Leischow Lianne La Havas gelang es jedenfalls, sich aus ihrem schwarzen Loch zu befreien. Mehr noch: Sie hat den Glauben an die Liebe nie verloren und ist wieder liiert. Ohne ihren Partner würde sie wohl die Pandemie, die ihr Leben ziemlich durcheinandergewirbelt hat, noch ein bisschen

Magazine

Regionalseiten
männer* – das queere Nachrichtenportal

Unsere News

About us

blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.