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SEXUALITÄT

SEXUALITÄT Partnerschaft Autor: Hannes Ulrich Warum haben wir eigentlich Sex? Foto: jcomp/freepik.de Der folgende Text über Sexualität und all die Konventionen, Mythen und anderen Konstrukte, die damit zusammenhängen ist zwar polemisch formuliert, beruht aber auf psychologischen und sexualwissenschaftlichen Theorien, als auch auf klinischen Erfahrungen des Autors. Er soll dazu anregen, über die eigene Sexualität nachzudenken. Wenn man Menschen fragt, warum sie denn eigentlich Sex haben, ist die erste Antwort meist: „zur Fortpflanzung“. Das ist selbstverständlich auch richtig und wichtig. Das lernen wir schon in der Schule im Biologieunterricht: „Der Mann führt das erigierte Glied in die Vagina der Frau ein. Nach einer gewissen Zeit der Penetration tritt Sperma aus, das in der Scheide auf eine Eizelle trifft, die sich dann in der weiblichen Gebärmutter einnistet. Neun Monate später kommt dann ein Kind zur Welt“ – das soll also Sexualität sein? Klar, wir müssen Sex haben, um uns zu reproduzieren und den Fortbestand der Menschheit zu sichern. Wenn es aber nur darum ginge, würde es ausreichen, fünf Mal im Leben Sex zu haben, denn daraus würden zwei bis drei Kinder entstehen und die Menschheit wäre gerettet. Homosexuelle Paare würden dann aber gar keinen Sex haben – auf natürlichem Weg lassen sich bei schwulem und lesbischem Sex keine Kinder zeugen. Die Fortpflanzung ist außerdem mit der Erfindung von Kondomen, Pillen und anderen Schutzmaßnahmen gut von Sexualität zu trennen. Es muss also noch andere Gründe geben, warum Menschen Sex miteinander haben. Auf Nachfrage bestätigen die Leute dann auch, dass sie oft einfach „Lust“ haben und einem 58 Ausgabe 02

„Trieb folgen“. Sie müssen mal „Druck ablassen“. Auch das ist natürlich völlig richtig. Die Lustkomponente spielt eine ebenso wichtige Rolle beim Sex. Doch wenn sich Sexualität darauf reduzieren würde, bräuchten wir gar keine anderen Menschen dazu. Wir könnten einfach unter Zuhilfenahme von Fantasien oder pornografischen Medien masturbieren und den Druck so abbauen. Warum haben wir aber denn nun das Bedürfnis Sex mit anderen Menschen zu haben? Auf diese Frage finden schon weniger Befragte adäquate Antworten. „Sexualität und Intimität zur Erfüllung von psychosozialen Grundbedürfnissen“, lautet die sexualwissenschaftliche Erklärung. Wir Menschen sind soziale Wesen, die auf Bindung programmiert sind und sind förmlich auf andere angewiesen, von ihnen abhängig. Wir können zwar stolz auf uns selbst sein, trotzdem hat es eine andere Qualität, wenn uns das beispielsweise unsere Freunden und Eltern zeigen. Natürlich können wir uns auch selbst bemitleiden und trösten, die Umarmung einer nahestehenden Person hat jedoch eine tiefere Wirkung. Uns allen gemein sind die Bedürfnisse nach Anerkennung, Nähe, Geborgenheit, Sicherheit, Bestätigung und noch viele mehr. Sexualität ist also eine Art der Kommunikation, die viele dieser Bedürfnisse befriedigen kann. Wenn wir die Bedeutung von sexuellen Handlungen hinterfragen und reflektieren, werden wir feststellen, dass Sexualität deutlich mehr als Reproduktion (Fortpflanzung) und Lustbefriedigung ist. Stellen wir uns doch einfach mal folgende Fragen: Was bedeutet es denn, wenn wir uns vor einer anderen Person nackt machen? Ist das nicht ein Beweis des Vertrauens? Was bedeutet es denn, wenn wir Körperflüssigkeiten austauschen und gegenseitig in uns eindringen? Wir öffnen uns, fühlen uns sicher, teilen etwas Besonderes, fühlen uns angenommen und bestätigt – genau das, was soziale Wesen brauchen. Wir können einer anderen Person sagen, dass sie gut aussieht, dass wir sie mögen, dass wir ihr vertrauen, sie annehmen und akzeptieren oder wir können Sex mit dieser Person haben. Welche Art der Kommunikation hat denn nun den größeren Effekt –die verbale oder körperliche? IST EINE EREKTION WICHTIG FÜR GUTEN SEX? In modernen Sexualtherapien und -beratungen rückt die Reflexion der Bedeutung in den Vordergrund und damit die sogenannten Störungen und Probleme in den Hintergrund. „Wenn wir die Bedeutung von sexuellen Handlungen hinterfragen, werden wir feststellen, dass Sexualität deutlich mehr als Reproduktion (Fortpflanzung) und Lustbefriedigung ist„ Bei einer Erektionsstörung kann man durchaus auch mal die Frage stellen, warum eine Erektion überhaupt so wichtig ist für eine erfüllende Sexualität. „Ist so“, „brauche ich, sonst kann ich meine Partner nicht befriedigen“. Diese Fehlannahmen werden oft als Naturgesetz anerkannt und akzeptiert. Können denn zwei lesbische Frauen eine erfüllende Sexualität haben? Ja, aha – wie geht das denn ohne erigierten Penis? Die vermeintliche Wichtigkeit der Penisgröße und dessen Erektion wird durch pornografische Medien unterstrichen. Prototypisch sehen wir wie ein durchtrainierter Mann stundenlang in allen möglichen Stellungen seiner Partner in alle zur Verfügung stehende Körperöffnungen penetriert. Seine Handlungen werden vom gegenüber lautstark durch Stöhnen validiert, bis er dann lautstark und gut für die Kamera sichtbar ins Gesicht spritzt. Romantik? Zärtlichkeit? Zuneigung? Fehlanzeige! Das Internet ist voll mit diesen Darstellungen. Aus sexualwissenschaftlicher Perspektive ist die Überflutung mit Pornografie jedoch nicht ein Zuviel an Sexualität, sondern eher ein Zuwenig. 59

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