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Leo September / Oktober 2021

Gesundheit SCHLAU ZU HIV

Gesundheit SCHLAU ZU HIV PSYCHE UND DRUMRUM Wie belastend ist HIV heute noch? Als HIV vor 40 Jahren das erste Mal benannt wurde, konnte die Diagnose als sicheres Todesurteil gelten. Heute ist die Erkrankung eine gut behandelbare chronische Virus-Infektion geworden, bei der in der Regel eine Tabletteneinnahme pro Tag für eine robuste Virus-Kontrolle ausreicht. Aber reicht der medizinische Fortschritt aus, um die Infektion heute nicht mehr als Belastung zu empfinden? Was ist mit Stigmatisierung, Angst vor dem Alter und Depression? Wir haben mit Dr. Christian Perro, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Hamburg- Eppendorf, gesprochen, mit welchen Problemen Menschen mit HIV zu ihm kommen, was die Gründe für die Probleme sind und was er empfiehlt, um mit HIV psychisch gut zu leben. Sie betreuen Menschen mit HIV. Mit welchen Problemen kommen diese zu Ihnen und wie unterscheiden sich diese von denen anderer Klienten in Ihrer Praxis? Wegen der Diagnose HIV alleine kommt heute eigentlich kaum mehr jemand in die Praxis. Kommt es zu einer heftigen psychischen Reaktion auf die Erstdiagnose, wenn das Ergebnis mitgeteilt wird, wird dies meistens von den Schwerpunktpraxen und Beratungsstellen wie Aidshilfen oder hier in Hamburg Hein & Fiete abgefangen. Hier in der Praxis treffen wir auf Menschen, die eher ausgeprägte, anhaltende Symptome zeigen, primär Angststörungen und Depressionen. Unterschiede gibt es insofern als es sich meist um männliche Patienten im Alter Ende 20 bis Mitte 40 handelt. Menschen mit HIV scheinen häufiger unter Depressionen zu leiden. Was sind die Ursachen? Ein veränderter Stoffwechsel durch Virus oder Therapie? Eigenes Erleben der Erkrankung oder vielleicht Erfahrungen mit der Umwelt? In der Regel sind die Ursachen vielfältig, nach wie vor lässt sich die genaue Ursache einer Depression nicht bestimmen. Neuere Studien gibt es kaum. Bezüglich der Angstsymptomatik handelt es sich meist um eine Stressreaktion. Statistisch gesehen haben MSM (A. d. R.: Männer, die Sex mit Männern haben, Bisexuelle und Schwule) grundsätzlich ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken, also Depressionen zu entwickeln. Wir gehen davon aus, dass das Risiko bei HIV-Positiven, psychisch zu erkranken, etwa doppelt so hoch ist wie bei Menschen ohne HIV. Die Gründe sind vielfältig: Stresssituationen jeder Art, Soziale Isolation, belastendes Umfeld aber wohl auch eine genetische Verletzlichkeit spielt eine Rolle. Was ich immer wieder erlebe in der Praxis ist, dass die HIV-Erkrankung vordergründig erst einmal gar keine Rolle für den Besuch der Praxis zu spielen scheint. Man muss das oft erfragen oder es stellt sich im Zusammenhang mit anderen Fragen heraus. Es ist nicht das erste, was Patienten sagen, aber unterbewusst spielt es doch häufig eine große Rolle. Die Leute ziehen sich mehr zurück, sie haben größere Ängste in der Partnerwahl, Angst vor Zurückweisung oder eine Scheu Sex zu haben, eine Beziehung aufzubauen. Davon etwas abgrenzen würde ich die Angststörungen. Ich erlebe bei den Betroffenen, dass Angst- und Panikattacken als Ausdruck einer Stressreaktion auftreten, oder dass sie durch HIV bis ins Depressive abgleiten. HIV bleibt einfach eine einschneidende Lebensveränderung - egal wie gut es heute therapierbar ist. Wenn das dann zum Beispiel auch mit beruflichen Faktoren korreliert, dann wird das eine Stressreaktion, die Panik auslösen kann. Was empfehlen Sie Menschen mit HIV, um mit dem Virus psychisch möglichst unbelastet zu leben? Eigentlich die Klassiker eines gesunden Lebensstils, einer guten Work-Live-Balance, wie man heute so schön sagt: Ein gutes soziales Netzwerk, Bewegung, gesunde Ernährung und ein aktiver Umgang mit der Infektion sind hilfreich. Also nicht so tun, als würde sich nichts ändern, als wäre nichts. Grundsätzlicher Risikofaktoren wie unregelmäßigem Schlafverhalten und regelmäßigem Alkohol- und Drogengebrauch sollte man sich bewusst sein. Und wenn man wirklich einmal in eine Krise gerät, sich auch nicht scheuen, eine Form der Behandlung aufzunehmen. Darüber reden hilft in den meisten Fällen – und ggf. können auch kurzfristig Medikamente hilfreich sein. *Interview: Christian Knuth

DE-HIV-2020-09-0034 | Agenturfoto. Mit Model gestellt.

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