Aufrufe
vor 2 Jahren

LEO August/September 2019

  • Text
  • Eintritt
  • Oktober
  • Hilfe
  • Zentrum
  • Queere
  • Deutsche
  • Kino
  • Musik
  • Queer
  • Menschen

GESUNDHEIT INTERVIEW

GESUNDHEIT INTERVIEW HIV-Therapie 2.0 Seit Mitte der 1990er-Jahre kann das HI-Virus, der Auslöser von Aids, mit der antiretroviralen Kombinationstherapie (ART) in Schach gehalten werden. Was anfangs noch eine komplizierte und mit starken Nebenwirkungen verbundene Tortur für den Patienten und seinen Körper war, ist dank immensem Forschungsaufwand der pharmazeutischen Unternehmen und der Wissenschaft heute eine alltagstaugliche Therapie geworden, bei der Betroffene im besten Fall nur noch eine Tablette täglich einnehmen müssen und eine normale Lebenserwartung ohne gravierende gesundheitliche Nachteile haben. Im Prinzip beruhen aber auch diese „Single-Tablet- Regimes“ genannten HIV-Therapien immer noch auf der Kombination dreier Wirkstoffe, wie zu Beginn der ART. In den Wirkstoffklassen gibt es eine Vielzahl an Varianten, sodass insgesamt ein recht großer Pool für Kombinationsmöglichkeiten je nach Verträglichkeit, Lifestyle und Resistenzen des HIV-Positiven zur Verfügung steht. Ein beruhigender Status quo. Alles erledigt also? Im Gegenteil: Über die aktuell wegweisenden Neuerungen in der HIV-Therapie und den Stand der Forschung sprachen wir mit Siegfried Schwarze vom Verein „Projekt Information“. Wie fit ist die ART für die Zukunft, wenn doch im Prinzip keine wirklich neuen Wirkmechanismen dazugekommen sind und weniger geforscht wird? Was ist zum Beispiel mit Resistenzen? Resistenzen können langfristig ein Problem werden. Statistisch tritt bei rund zehn Prozent der Patienten eine Resistenz gegen einen Wirkstoff oder eine Wirkstoffklasse auf. Dadurch, dass die Medikamente heute wirksamer sind, also die Wirkstoffe besser und länger im Körper bleiben, auch wenn die Adhärenz (Therapietreue, Anm. d. Red.) nicht einhundertprozentig ist, sinkt diese Zahl aber aktuell. Es ist auch richtig, dass seitens der Pharmaindustrie weniger geforscht wird. Der HIV-Markt ist inzwischen ein klassischer Verdrängungsmarkt. Im Prinzip forschen aktuell nur noch die drei Unternehmen MSD, Gilead Sciences und ViiV Healthcare. Alle anderen haben ihre HIV-Medikamente zwar noch auf dem Markt und schöpfen sozusagen den Rahm ab, investieren aber kaum in die Erforschung neuer Medikamente. Womit wir beim eigentlichen Thema des Interviews sind. Denn ganz im Gegensatz zur etwas düster wirkenden Bestandsaufnahme gibt es aktuell einige bemerkenswerte Neuigkeiten. Die PrEP als Implantat wurde von MSD auf der IAS-Konferenz in Mexiko vorgestellt. Was ist das?

Neu ist nicht die Form der Verabreichung durch ein Implantat. Das wird schon lange zum Beispiel in der Empfängnisverhütung eingesetzt. Man bekommt ein etwa streichholzgroßes Polymer-Stäbchen in den Oberarm gesetzt, das dann über ein Jahr die Wirkstoffe abgibt. Gilead arbeitet aktuell zum Beispiel daran, Tenofovir (in Kombination mit Emtricitabin als Truvada bekannt, Anm. d. Red.) als Implantat zu entwickeln. Das von MSD vorgestellte Medikament Islatravir dagegen beruht auf einem völlig neuen Wirkstoff. Interessanterweise wurde er zuerst in Sojasoße entdeckt. Was nicht bedeutet, dass Sojasoße vor HIV schützt! (lacht) „Eine ganz neue Wirkstoffklasse“ Ich sehe schon die „BILD“- Schlagzeile … Ein großer Vorteil dieses Wirkstoffs ist, dass er in unglaublich kleinen Dosierungen ausreichend wirkt. Um das zu veranschaulichen: Bisher reichen die Tagesdosierungen von ungefähr 25 Milligramm bis zu einigen 100 Milligramm. Die notwendige Tagesdosis von Islatravir wird wahrscheinlich nur ein halbes Milligramm betragen. Das ist für eine Depot-Therapie natürlich sehr vorteilhaft. Die Daten, die auf der IAS vorgestellt wurden, lassen hoffen, dass mit dem Implantat tatsächlich eine Wirkdauer von einem Jahr erreicht werden kann. Das Medikament ist aber nicht nur ein neuer Wirkstoff, sondern gehört zu einer ganz neuen Wirkstoffklasse, den Nukleosidischen Reverse-Transkriptase- Translocations-Inhibitoren. Für diese haben wir noch keine Langzeiterfahrungen, wie es mit der Verträglichkeit aussieht, und müssen weitere Studien abwarten. Es gibt aber ja weitere Depot-Therapieansätze. Wie ist da der Stand? Es wird auch mit den bekannten Wirkstoffklassen an neuen Therapieformen gearbeitet. Das hat den Vorteil, dass die Langzeitverträglichkeit der verwendeten Substanzen gut erforscht ist. Im kommenden Jahr werden die ersten Depotspritzen zur Behandlung zugelassen werden. Wir wissen es noch nicht ganz genau, aber zunächst werden es wohl monatliche, eventuell zweimonatliche Spritzen sein. ViiV Healthcare hat sie mit dem seit Jahren angewendeten Rilpivirin und dem neuen Medikament Cabotegravir, einer Schwestersubstanz des ebenfalls lange verwendeten Dolutegravir, entwickelt. Cabotegravir wird übrigens gleichzeitig für die PrEP erforscht, hier wäre eine dreimonatige Depotgabe denkbar. „Da ist noch Spiel drin!“ Was ist der Vorteil dieser Depot- Therapien? Sie bieten einerseits die Möglichkeit, Patienten zu behandeln, die Schwierigkeiten mit der Adhärenz haben. Wichtiger ist aber noch, dass sie hervorragend für jegliche Umfelder geeignet sind, in denen die HIV-Infektion nicht bekannt werden soll. Wo Tabletten nicht auffallen sollen. Das kann in Gefängnissen sein, in Familien, wo vielleicht das Kind die Infektion der Mutter oder des Vaters nicht bemerken soll. Bei Migranten, die ihre Familie in religiös besonders strenggläubigen Ländern besuchen. Bei Flugbegleitern oder anderen, die beruflich in diese Länder müssen oder dort ihren Urlaub verbringen wollen. Wie kommt es, dass wir hier jeweils nur noch über zwei Wirkstoffe sprechen? Ist die Dreierkombi ein Auslaufmodell? Die Dreierkombi ist einfach historisch gewachsen. Bei Retrovir in den 1990ern haben wir gesehen, dass das Virus maximal sechs Monate brauchte, um sich anzupassen. Mit zwei Wirkstoffen hat es dann ca. drei Jahre gedauert, bis das Virus resistent war. Erst mit der Einführung der Proteasehemmer 1996 gelang es, das Virus dauerhaft unter die Nachweisgrenze zu bringen, also seine Vermehrung und damit Anpassungsmöglichkeit nachhaltig zu unterbinden. Inzwischen sind wir in der Situation, dass die Medikamente viel, viel wirksamer sind und wir sehen, dass drei keine magische Zahl ist. Studien zeigen sogar, dass die modernsten Protease- und Integrasehemmer so wirksam sind, dass sie theoretisch einzeln wirken würden. Das ist aber nur Theorie und niemand möchte sich eine Resistenz gegen diese hochwirksamen Wirkstoffe einhandeln. Für viele Patienten reichen aber in Zukunft zwei Wirkstoffe aus, wie bei den eben genannten erwarteten neuen Therapien. In Deutschland ist mit Dolutegravir/Lamivudin (Dovato, Anm. d. Red.) in diesem Jahr schon die zweite Zweierkombination zugelassen worden, Juluca ist schon etwas länger auf dem Markt. Sie haben im Vorfeld auch eine Infusion angesprochen … Mit Ibalizumab von Theratechnologies steht das erste Medikament zur Behandlung durch eine alle zwei Wochen zu gebende Infusion kurz vor der europäischen Zulassung. Es ist speziell für Patienten entwickelt worden, die wegen Resistenzen oder Unverträglichkeiten nur wenige Therapieoptionen haben. Infusionen sind im Vergleich zur Depotspritze aufwendig, man kommt an den Tropf, muss warten, aber: Es wird in Zukunft vermutlich weitere Medikamente wie dieses geben, deren Wirkung nicht mehr auf chemischen kleinen Molekülen beruhen, sondern mit menschlichen Antikörpern arbeiten. Das ist zurzeit noch extrem teuer. Die angesprochene Therapie wird rund 130.000 Euro im Jahr kosten, allerdings ist sie für betroffene Menschen (in den USA schätzungsweise 25.000, Anm. d. Red.) ein lebensrettender Segen. Bei anderen Erkrankungen hat man die Verweildauer der Antikörper im Organismus bereits durch Tricks so weit verlängert, dass eine halbjährliche Infusion möglich ist. Da ist noch Spiel drin. *Interview: Christian Knuth Auf www.blu.fm/topics/hiv spricht Siegfried Schwarze im zweiten Teil dieses Interviews über weitere spannende Ansätze, wie die eventuell einmal mögliche Heilung durch eine Gentherapie und den Stand der Erforschung eines Impfstoffes. Siegfried Schwarze ist Vorstandsmitglied bei Projekt Information e. V., einem Verein, der HIV-infizierte Menschen, ihre Freunde, Angehörigen und Ärzte über Forschung, Entwicklung und Anwendung von schulmedizinischen, unterstützenden und holistischen Behandlungsmethoden informiert. Im ständigen interdisziplinären Informationsaustausch mit Medizinern, Naturheilkundlern, Psychologen, Therapeuten und Pflegern entsteht so alle zwei Monate eine Vereinszeitschrift, die diese Informationen sammelt. Zudem schafft Projekt Information mit POSITIVER RAUM Möglichkeiten des Austausches und der Vernetzung HIV-Positiver in ländlichen Gebieten. www.projektinfo.de GESUNDHEIT

Magazine

Regionalseiten
männer* – das queere Nachrichtenportal

Unsere News

About us

blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.