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hinnerk Oktober/November 2021

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10 SZENE FOTO:

10 SZENE FOTO: HAMBURGISCHE REGENBOGENSTIFTUNG Lutz Johannsen ist eines der bekanntesten Szenegesichter Hamburgs. Er half als Fundraiser, aber auch als Ideengeber und Macher mit, die HIV-Prävention und die Versorgung von Menschen mit HIV und Aids in der Hansestadt zu organisieren. Er war der erste offen schwule Landtagsabgeordnete einer SPD-Fraktion. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse und seit dem Sommer auch noch des Pride Awards von Hamburg Pride und Ehrenvorsitzender der von ihm mitgegründeten Hamburgischen Regenbogenstiftung. Ende des Jahres geht er mit Beendigung der Mitgliedschaft im Aufsichtrat der Aidshilfe Hamburg, dem er seit 2008 angehörte, in den Ruhestand. Im ausführlichen Telefonat sprach hinnerk noch einmal mit dem scheidenden Gründungsvorstandsmitglied der Hamburgischen Regenbogenstiftung, der sich nach über 30 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit nun wohl endgültig von der Bühne der Verbände und Vereine verabschiedet. Grund sind die eigene Gesundheit des 61-jährigen, der – und das ist eine seiner Stärken – ganz offen dazu steht, unter anderem unter schwerem Rheuma zu leiden. Auch sein geliebter Mann Uwe war an Darmkrebs erkrankt und es ist für beide an der Zeit, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Über psychische Erkrankungen und Schwäche spricht Mann nicht? Lutz tat und tut das und ist so ein Vorbild für Mannsbilder jeden Alters, aber vor allem für die Jugend, die ihm immer noch am Herzen liegt. Damit sie nicht die Fehler wiederholen möge, die andere Generationen machten. Was sagst Du als schwuler Mann eigentlich zur Debatte über Identitätspolitk und darüber, dass der Begriff „schwul“ von vielen jungen Menschen nicht mehr benutzt wird? Ganz ehrlich. Es gibt so viel, mit was und wie man sich benennen kann, zu umschreiben, wie man fühlt. Besonders im jungen Alter muss man ja erstmal ausprobieren und schauen, was für mich das richtige ist. Und das kann sich im Laufe der Zeit ja dann auch wieder ändern. Wer heute sagt, ich bin nicht binär oder ich bin trans*, der nennt das vielleicht später ganz anders. Das war ja damals bei uns auch so. Für mich war das aber klar. Ich war schwul. Wegen der Krankheit, wegen HIV, sind diese Fragen aber damals viel weniger im Vordergrund gewesen. Aids war DAS Thema ... ... das aber ja auch unverrückbar mit der Schwulenbewegung in Verbindung stand und immer noch steht. Ohne HIV wäre die Schwulenbewegung nicht zu dem gewachsen, was wir heute haben, das ist ist ganz klar. Dadurch sind die Schwulen aufgestanden und haben gesagt, wir müssen was tun. Auch ich zum Beispiel, obwohl ich selbst gar nicht betroffen bin. Aber ich habe so viele Freunde verloren an Aids. Damals musste man noch in der Diskothek zum Beispiel am Pulverteich – die INTERVIEW Pride Award 2021 und Rückzug ins Private gibt es heute gar nicht mehr (das Pit, A. d. R.) – damit rechnen, dass die Polizei eine Razzia macht. Es war noch lange nicht alles so liberal, wie heute und HIV galt als Schwulenkrankheit. Das hat die gesellschaftliche Ausgrenzung erst einmal wieder sehr stark befeuert. Dagegen sind wir aufgestanden. Kannst Du verstehen, warum viele Homosexuelle Rechten zugewandt sind? Auch die spielen mit lange überwunden geglaubten Ressentiments. Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen. Das ist genauso wie damals in der SS. Da sind ja auch sehr viele Schwule gewesen. Sorry, aber ich kann das einfach nicht verstehen. Das ist verrückt. Wenn du dir das anguckst in der AFD, Frau Weidel als lesbische Frau. Unmöglich! Wir müssen dagegen etwas tun. Du gibst alle öffentlichen Ämter ab, weil Du mehr Zeit mit Deinem Mann Uwe verbringen möchtest. Wie habt ihr beiden Corona bisher er- und überlebt? Ich bin natürlich weiter unterwegs und erhebe meine Stimme gegen Rechts, wann immer ich kann. Aber ich will auch mehr Zeit für uns und unsere Freunde haben. Besonders nach dieser langen Zeit, wo wir beide eigentlich mehr oder weniger anderthalb Jahre wirklich zu Hause gesessen haben. Ich habe mal geguckt in meinem Tagebuch, wie viele, oder besser wie wenige Menschen ich in der Woche im Durchschnitt getroffen

SZENE 11 habe, also außer mein Mann. Das ist erschreckend. Wir hoffen, dass sich die Leute draußen anständig benehmen und wir vielleicht keine weitere Welle erleben, damit wir Freundinnen und Freunde einladen können oder eingeladen werden. Endlich wieder auf die Straße gehen, endlich mal wieder jemanden in den Arm nehmen und zu knuddeln. Das ist es doch, was uns Menschen auch ausmacht Ich bin ja sowieso jemand, der gerne mit Menschen redet und ich habe keine Berührungsängste. Das hat mir immer geholfen, weil Nähe ist einfach etwas Schönes, etwas, das Verbindung aufbaut, die die Zeit überdauern. Das ist das Wichtigste, was du im Leben erfahren darfst: Freunde zu haben, auch die nicht engen, die du vielleicht jahrelang nicht gesehen hast, aber man geht auf sich zu, nimmt sich in den Arm. Dank auch Deiner ehrenamtlichen Arbeit war das zum Glück bei Aids nur eine kurze Zeit der Schatten war, die Kontaktbeschränkung. Richtig. HIV überträgt sich eben nicht durch Kuscheln, durch Umarmen. Aber selbst wenn man jemanden nicht mehr körperlich nahe sein kann, dann kann man trotzdem noch nahe sein. Ihm zuhören. Trotzdem ist das nicht das gleiche. Ich hatte einen Freund, der im Endstadium von AIDS gar nicht mehr sprechen konnte. Es war so intensiv, mit einer Hand, einer Berührung da zu sein. Gerade bei jemand, der nicht mehr lang zu leben hat, den du aber so begleitest. Bis zum Tod. Das ist so wichtig. Dass er spürt, dass andere für ihn da sind, dass man sich um ihn kümmert und so die Nähe aufbaut. FOTO: MOHAMMAD ALZABADI PHOTOGRAPHY Das ist auch der Gründungsgedanke von Hamburg Leuchtfeuer gewesen, eine Einrichtung für die letzten Tage eines Menschen. Eine Party hatte damals großen finanziellen Anteil. ... Red Hot & Dance war eine Veranstaltung von Big Spender, ja. Ich hätte nie gedacht, dass ich als Hauptschulabgänger so etwas auf die Kette bekommen würde. Ich bin Legastheniker, ADHS sagt man heute auch. ... Letztendlich sind durch das Big Spender Team über eine Million Euro gesammelt worden, von denn Hamburg Leuchtfeuer den größten Anteil erhalten hat. Blickst Du auch mit Stolz auf Dein Leben zurück? Ich habe das alles ja nicht geplant. Alles, was mir in diesen 40 Jahren passiert ist, ist auf mich zugekommen. Ich habe das Glück, dass Menschen mich oft gefragt haben ob ich das machen möchte. Im Job und auch im Ehrenamt. Und wenn ich es dann mache und sehe, dass etwas passieren muss, dann mache ich das. Wie eben damals bei Big Spender oder für die Hamburg die Hamburgische Regenbogenstiftung in den letzten Jahren. Und ja. Ich bin wirklich stolz darauf und freue mich auch darüber. In jeder Stadt zu Hause Queere Gastgeber in über 70 Ländern erwarten dich! lutzjohannsen.de *Interview: Christian Knuth Seit 20 Jahren in der Community bekannt unter ebab

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