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hinnerk Oktober / November 2020

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Seit 1993 ist hinnerk DAS (erst schwule) und heute queere Magazin für Hamburg und Norddeutschland.

8 SZENE SEXUALITÄT UND

8 SZENE SEXUALITÄT UND CORONA VERÄNDERUNG VON FOTO: MICHAEL KUCHARSKI / UNSPLASH / CC0 Kurz vor Redaktionsschluss haben die Bundesländer Hamburg, Bremen, Niedersachen und Schleswig-Holstein sich unter dem Eindruck des gerichtlich angeordneten Verbotes des Prostitutionsverbotes in Nordrhein- Westphalen darauf geeinigt, die Sexarbeit ebenfalls schrittweise wieder zuzulassen. hinnerk druckt den folgenden Kommentar als Zeitdokument unverändert ab, weil er – auch ganz unabhängig vom fast panisch wirkenden Rückrudern im Norden – deutlich macht, wie Sexarbeit im Speziellen und Sexualität im Allgemeinen unter Covid-19 wieder einmal moralisch negativ aufgeladen wird, wie Angst vor Krankheit dazu genutzt wird, ungeliebte sexuelle Freiheiten des Einzelnen dem staatlichen Zugriff und der Reglementierung zuzuführen. Auf den folgenden Seiten belegen wir diese These mit der Auswertung des Skandals um die Schließung von schwulen Badehäusern in Köln, mit der durch die Lockerungen bei der Sexarbeit noch skurrileren Situation in Hamburg und der Reaktion der mann-männlichen Sexszene auf die andauernde Schließung ihrer Safe Spaces, welche wiederum Reaktionen der Moralisten hervorruft. MORAL Wir Schwulen kennen den Scheiß schon, denn, als wir endlich mit der 68er-Bewegung gemeinsam mit den Heteros dafür gesorgt haben, dass dem Staat die Befugnis abgesprochen wurde, die „sittliche Ordnung“ mit den Mitteln des Strafrechts zu verteidigen, gab es für uns Schwule noch lange Zeit den § 175. Er beinhaltete einen überdimensionalen Jugendschutz im Falle eines homosexuellen Übergriffes. Unter dem § 175 entstanden für Schwule viele Probleme mit dem Gesetz, denn wenn z. B. 1973 ein 18-Jähriger einen 17-Jährigen bumste, hatte der 18-Jährige schon eine Straftat begangen. Da musste man als volljähriger Hetero schon eine 13-Jährige entjungfern, um ein ähnliches Strafmaß zu erwarten. § 175 wurde noch in den 90er-Jahren in Deutschland angewendet und fand in jeder Diskussion über Schwulenrechte immer wieder seinen Platz als Rechtfertigung, dass Schwulsein eben „was anderes“ ist. Im obigen Beispiel wurden 1990 in Deutschland von fast 100 Verurteilten, noch 10 Menschen in den Knast gesteckt, weil sie „Unzucht“ betrieben (http://dipbt.bundestag.de/dip21/ btd/12/030/1203036.pdf), während die Öffnung der Ehe für Homosexuelle bereits im Gespräch war. Der Paragraf wurde erst 1994 gestrichen. Und warum gab es den § 175 für Männer? Natürlich wegen der Moral, denn Schwulsein ist eben was Schlechtes. Übrigens wurden grundsätzlich Männer verfolgt und bestraft, denn männliche Homosexualität ist ja so viel schlimmer für eine psychische Entwicklung als die weibliche Homosexualität *ironieoff*. Das ist sozusagen, für Schwule, ein Sexismus im Sexismus. Und warum war das so? Frauen hat man damals keine eigenständige Sexualität zugetraut – für Lesben also ein klarer Fall vom Glück im Unglück. Das gibt es für Sexarbeiterinnen heute noch, denn für die Sexarbeitsgegner kann Sexarbeit grundsätzlich von keinem Anbieter als positiv empfunden werden. *kopfschüttel* In den 80er-Jahren wurde erstmals die Rolle der „Nutte“, sowie des „Hinterladers“, politisch wie moralisch gleichermaßen stark im Rahmen der Aids-Diskussion thematisiert. Es entstand hier ein neues Bild der Sexualität, denn man musste sich plötzlich gesamtgesellschaftlich mit „Infektionswegen“ und „Kontakthäufigkeiten“ auseinandersetzen. 2020 haben wir nun das Coronavirus, und schon wieder müssen „wir“ uns erklären, weil man draußen irrsinnige Bilder von Prostitution im Kopf hat.

Beispiele: ■ Kunden sind in den seltensten Fällen die totalen Unbekannten; im Falle einer Infektion ist eine Kontaktaufnahme mit dem Kunden fast immer möglich. Das gilt im erhöhten Maße während einer Pandemie, weil: Kunden von Sexarbeitern sind auch keine hormonell unzurechnungsfähigen Menschen, denn auch sie haben ein Interesse an ihrer Gesundheit. ■ Ja, beauftragte Gangbangs gibt es, sind aber eher selten, denn die Prostitution ist i. d. R. ein „1 zu 1“-Geschäft, und das gilt für alle sexuelle Ausrichtungen, sowie für alle Geschlechter. ■ Wer glaubt, dass man in der Sexarbeit zwanzig Kunden täglich bedienen kann, der möge mal nachrechnen, wie reich wir Huren dann wären, wenn wir das ein paar Monate durchziehen würden. Jeder Physiotherapeut hat i. d. R. mehr Kunden. ■ In Bordellen oder SM-Studios ist es nicht schmutzig, denn Hygiene ist hier seit Jahrhunderten eine Pflichtnummer für alle Beteiligten. Sexarbeiter sind da i. d. R. sogar verdammt gut drin. ■ Der Hauptpunkt in der leidigen Corona- Debatte: Wenn der Staat seinen Mitbürgern den Sex untereinander nicht über den Weg der Sanktionen verbietet, wie derzeit, muss es ebenfalls – wenn nicht sogar in höherem Maße – für die Sexarbeit gelten. Die gewerblich organisierte Sexarbeit wird aufgrund ihres wirtschaftlichen Interesses logischerweise sogar noch umsichtiger vorgehen. Und das nicht nur, weil FOTO: THORE REHBACH der Körper des Sexarbeiters und die Gesundheit des Klienten das Kapital des Sexarbeiters darstellen, nein, es lassen sich mit den umliegenden Instanzen (Bordelle, Hilfseinrichtungen usw.) Regeln einführen und kontrollieren. Kommentator André Nolte arbeitet als Dominus in der Sexarbeit und engagiert sich als Pressesprecher beim Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD e.V.). Aber was passiert? Spricht man mit uns? Erarbeitet man mit uns Lösungen? Nein, wir werden „verboten“. Sexarbeit ist auch Monate, nachdem Friseure wieder einen Pony im Gesicht schneiden, immer noch illegal. Es kommt noch besser, denn alle Beteiligten wissen, dass Prostitution trotzdem stattfindet. Fast jeder arbeitet wieder – irgendwo und irgendwie. Fakt ist, dass die Arbeit mit weniger Hygiene stattfindet (Hotels, Privatwohnungen, Toiletten usw.). Aus epidemiologischer Perspektive vollkommener Unsinn. Hinzu kommt, dass die Beratungsstellen schließen, aber es fragt eh niemand nach gesundheitlichem Rat in der Illegalität – nur nach Hilfe, da kein Geld mehr da ist, weil Hartz 4 kaum ausreicht und selbst diese Zuwendung für SZENE 9 viele migrierte Sexworker grundsätzlich nicht zur Verfügung steht. Ganz zu schweigen vom körperlichen Schutz für weibliche Sexarbeiter – der fällt derzeit durch den Wegfall der Bordelle und der dazugehörigen Security komplett flach. Das ist eine saftige Ausgrenzung, die ihresgleichen sucht, mit der Begründung der „mangelnden Kontrollierbarkeit der Hygienekonzepte“ (siehe: Schriftliche Kleine Anfrage 22/823 der Abg. Dr. Ensslen u. Özdemir (Die Linke) Wie steht es um die Berufsfreiheit der Prostituierten? Drucksache Nr. 2020/1280). Abgesehen davon, dass die wenigsten Geschäfte und Büros über riesige kontrollierbare Fensterfronten verfügen, sind auch alle weiteren Begründungen an den Haaren herbeigezogen. Lies einfach selber. Lass dich nicht verarschen, es geht bei diesem Sexkaufverbot derzeit mal wieder um Moral – genau wie damals in der Aids-Thematik. Warum wird derzeit das spontane gegenseitige orale Penetrieren über Grindr, Tinder & Co nicht mit Bußgeldern belegt, während man in der Sekunde des Kaufs eines Blowjobs eine saftige Ordnungswidrigkeit begeht? Das Virus wird sicher nicht durch den Bezahlvorgang ausgelöst, oder? Trotzdem macht sich die Polizei derzeit vor dem Trans-Straßenstrich auf der Frobenstraße breit und versaut somit das eh schon Corona-bedingt mies laufende Geschäft. Klares Ausgrenzen der Sexarbeiter – und feine Linien – starker Auftritt Spitalerstr. 9 | 20095 Hamburg Fon: 040-32 70 07 | E-Mail: info@optik-weser.de Corona-bedingt: MO bis SA 10:00 - 19:00 Uhr www.optik-weser.de

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.