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hinnerk Oktober / November 2020

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Seit 1993 ist hinnerk DAS (erst schwule) und heute queere Magazin für Hamburg und Norddeutschland.

GESUNDHEIT INTERVIEW

GESUNDHEIT INTERVIEW OLIVER SECHTING: Zwänge im Alltag Ein Bilderbuch über Ängste und Zwänge und ihre Überwindung. Ein wichtiges Buch, denn manche Zwänge begleiten einen Menschen von Kindesbeinen an. Wir telefonierten mit dem Autor. Warum hast du dieses Buch geschrieben? Das Thema beschäftigt mich seit meiner Kindheit, es taucht ja auch in meiner Autobiografie und in einem Film von mir auf. In Deutschland gab es noch kein Kinderbuch über das Thema, die Idee, ein Buch darüber zu schreiben, kam mir letztes Jahr. Da habe ich mich dann mit meiner Schwägerin zusammengesetzt, die Illustratorin ist, und gefragt, ob sie sich vorstellen könne, bei so etwas mitzuarbeiten. Sie war gleich Feuer und Flamme, und so ging es los. Wer genau ist deine Zielgruppe: die Eltern oder interessierte Kinder? Die Kinder. Aber das Buch ist ab sechs Jahren, ein Alter, da wird Kindern ja auch oft noch vorgelesen. Es ist also auch für Erwachsene. Viele wissen über dieses Thema nicht so viel, es ist noch nicht so in der Gesellschaft angekommen wie zum Beispiel das Thema Depressionen. Es gibt Hintergrundinformationen, es kann auch helfen, Zwangsstörungen zu entdecken. Man muss nicht gleich in Panik verfallen, PSYCHOLOGIE „Echt? Du wirkst gar nicht schwul!“ Hand aufs Herz: Viele von uns sind (leider) immer noch erleichtert, wenn sie hören, dass man ja nie darauf gekommen wäre, dass sie schwul sind. Heteronormative Stereotypen beherrschen eben auch noch unsere Köpfe. Wir wollen immer noch möglichst „normal“ und nicht „schrill“ sein. Um es eigentlich wem recht zu machen? Den Mitmenschen, die uns nicht in der Öffentlichkeit küssen sehen wollen, den Menschen, die unsere natürliche Veranlagung als unnatürlich empfinden, den Wesen, die aus dem Zusammenhang gerissene Zitate religiöser Schriften wie Gewehrkugeln aufs Selbstwertgefühl feuern. Und auch innerhalb der Community geizt man nicht mit allen Arten von Shaming. „Ich bin ja nicht so tuntig wie der, oder?“, „Oje, muss der hier so rumkreischen?“, „Wer von euch beiden ist denn die Frau?“ und „Scheiße, da kommt xy, der ist mir echt zu peinlich tagsüber“ ... Natürlich kann man die Stimme eines Gesprächspartners als zu laut empfinden, das Parfüm zu aufdringlich, die Klamotten abscheulich. ABER der Grund, dass andere einen mit dem/der sehen, darf nicht der Grund für Ablehnung sein. Jeder ist schön und perfekt, so wie er/sie eben ist. Julius Thesing nimmt sich in seinem Buch „You don’t look gay – eine Auseinandersetzung mit homophober Diskriminierung“ solcher Situationen

GESUNDHEIT aber im Auge behalten ... Manchmal schleichen sich Zwänge wieder aus. Von einer Zwangsstörung wird in der Regel erst gesprochen, wenn die Betroffenen unter ihrer Situation leiden. War das bei dir so? Leider nein. Ich nehme bis heute Medikamente und habe immer wieder depressive Schübe, weil die Zwangserkrankung so erschöpfend ist. Hätte dir damals so ein Buch geholfen? Ja, sehr. Damals, es waren die 1980er-Jahre, da war das Thema in der Gesellschaft nicht bekannt. Ich verheimlichte meine Krankheit, was ganz typisch ist, weil man sich schämt. 14 Jahre lang lebte ich so, bis ich mit Mitte 20 aufgrund eines Nervenzusammenbruchs in die Psychiatrie musste. Mir hätte es sehr geholfen, so ein Buch zu haben. Zwangsstörungen sind sehr individuell, aber es gibt Parallelen, hier setzt das Buch an. Trifft dich als Autor die aktuelle Corona-Krise stark? Es hat so viele betroffen, Menschen mit einer Zwangserkrankung werden aber womöglich stärker davon mitgenommen. Das Gefühl der Unsicherheit ist ein Träger von Angst und Zwängen. Viel Beschäftigung beruflicher Art fiel weg, da musste ich dann gegenarbeiten, damit dieser freie Raum nicht von den Zwängen besetzt wird. Struktur hilft, bei mir war es die Arbeit an dem Buch. Und mein Lebenspartner Rosa, der mir permanent zur Seite steht. Ich bin froh, dass ich ihn als Partner habe. Es waren schwierige Zeiten, die Behandlungsmöglichkeiten sind bei mir ja auch relativ ausgeschöpft. Was mir auch geholfen hat, war der professionelle Blick auf das alles durch meine Psychologin, wenn ich mit ihr telefoniert habe. Worauf freust du dich gerade? Dass alles leichter wird, dass wieder Normalität einzieht, ohne dass es kippt und noch drastischere Maßnahmen kommen. Über allem steht immer meine psychische Gesundheit, je nach Verfassung erlebe ich das Leben sehr unterschiedlich. Wenn die Krankheit im Hintergrund ist, geht es mir gut, das reicht dann eigentlich aus. Aber natürlich freue ich mich auf die Buchveröffentlichung und das Feedback darauf. *Interview: Michael Rädel ganz wunderbar illustriert an. Denn Homophobie – und andere Arten von Diskriminierung! – versteckt sich in der Umgangssprache, im Alltag hinter auch unbedachten Fragen. Ist einem das Muster zu schwul? Macht man sich hier zum Bimbo? Nervt die Tucke? – Das Buch liefert dir Bilder und vor allem informative Texte voller Fakten. Ein Buch, das helfen kann, sich weiterzuentwickeln. Unser Alltag ist voller Diskriminierung – die gilt es Schritt für Schritt abzubauen. Und nein, niemand will an die ach so wichtigen Traditionen, aber Schlechtes ist eben schlecht und muss weg. Egal, ob es sich um Wörter wie Negerkuss oder Schwuchtel handelt. Und nicht alles, was Désirée Nick oder Herr Nuhr, früher auch mal Herr Kalkofe und „Little Britain“, posten und äußern, ist immer nur lustig und Parodie. Kunst kann auch verletzen. Aber es scheinen sich ja alle zum Guten zu verändern. *rä Julius Thesing „You don’t look gay – eine Auseinandersetzung mit homophober Diskriminierung“, www.bohem-verlag.de

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.