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hinnerk Oktober / November 2020

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Seit 1993 ist hinnerk DAS (erst schwule) und heute queere Magazin für Hamburg und Norddeutschland.

10 SZENE natürlich wird

10 SZENE natürlich wird mit den Kleinsten angefangen. Ralf Rötten (Geschäftsführer von HILFE-FÜR-JUNGS e. V.) hierzu: „Die besonders von Diskriminierung Betroffenen in der Sexarbeit sind jetzt in der Corana-Krise auch wieder diejenigen, die die größten persönlichen Opfer erbringen müssen.“ Diese Ausgrenzung von unliebsamen Gruppierungen unter gesundheitlichen Vorwänden kommt mir alles reichlich bekannt vor. Hat doch Horst Seehofer 1987 vorgeschlagen, Aids-Infizierte und Kranke künftig „in speziellen Heimen“ zu sammeln. Kultusminister Hans Zehetmair hat damals noch einen draufgesetzt: […] Homosexualität gehöre in den „Randbereich der Entartung […] Das Umfeld der ethischen Werte muss wiederentdeckt werden, um diese Entartung auszudünnen.“ (Quelle: https://www.spiegel.de/spiegel/ print/d-13522444.html) Gott sei Dank, konnten sich diese Werte seinerzeit nicht durchsetzen, und die von der CSU gewünschten Zwangsregistrationen und angedachten Verschleppungen wurden nicht eingeführt, denn irgendwann wurde miteinander geredet und Lösungen erarbeitet. Ralf Rötten: „Eine Pandemie zum billigen Vorwand zu nehmen, um in paternalistischer Weise Sexarbeitende gegen ihren ausdrücklichen Willen auch zukünftig vor möglichen Gefahren zu schützen, ist weder demokratisch noch emanzipatorisch und schon gar nicht feministisch. Diese fragwürdige Allianz von bibeltreuen Christ*innen über Sozialdemokrat*innen bis hin zu Altfeminist*innen wird das Elend der Sexarbeitenden vertiefen, und die Infektionszahlen mit STIs in die Höhe treiben (wie bei den Männern in Schweden). Der beste Schutz vor Ausbeutung, Unterdrückung und auch sexuell übertragbaren Infektionen ist immer noch die Aufklärung und der offene Umgang mit Fragen zu Gesundheit, Sexualität und Selbstbestimmung in einer Gesellschaft. Das hat sich schon bei AIDS in den letzten 35 Jahren gezeigt.“ Lass dich nicht verarschen, das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Es behauptet sowieso niemand, er könne Kriminalität zu 100 % bekämpfen – in keiner Branche. Selbst die Sexarbeitsgegner gehen nicht so weit mit ihren Forderungen nach Verboten und Strafen. Aber kann ein Verbot hier tatsächlich wenigstens etwas helfen? Klingt schon alleine aufgrund der Einfachheit nach einem populistischen Gedankenansatz. Schauen wir in die Geschichte der USA: Hier wurde das – sicherlich für einige Menschen – große Problem „Alkohol“ nicht durch die Prohibition (= Gesamtverbot von Konsum und Verkauf von Alkohol, 1913 – 1921) besiegt. Es erscheint rückwirkend als eine der dümmsten Maßnahmen für eine derart komplexe Fragestellung, welche sich im Spannungsfeld von „tödlicher Droge“ bis zum „zwanglos anwendbarem Positiv-Verstärker“ befindet. Worauf haben wir Menschen in der ganzen Welt gesetzt? Auf Aufklärung, Selbstbestimmung und sinnvolle Regeln – nicht auf ein flaches, gesamtheitliches Verbot. Ich verlange eine deutliche Trennung zwischen Kriminalität in der Prostitution und Sexarbeit. Von der heutigen Gesellschaft ist zu erwarten, dass sie es schafft, sich gezielt eines Problemfeldes anzunehmen, ohne die Berufswahl von 40.400 Menschen zu zerstören und durch pauschale Opferzuschreibung zu entmündigen sowie – darüber hinaus – die Freiheit eines jeden Bundesbürgers dermaßen einzuschränken. Kommen wir zurück zur Frauenbewegung: Viele Gesetze haben Frauen heute dahin gebracht, wo sie jetzt sind, und trotzdem müssen wir uns fünfzig Jahre später immer noch neue Maßnahmen überlegen, wie z. B. Quotenregelungen bei Vorständen und Parteien, damit Frauen gleichberechtigt sind. Wie zur Hölle kommen wir auf die Idee, dass das neue Prostitutionsgesetz von 2002 bereits 2020 in voller Breite in einem solch diversen Umfeld in der Praxis funktionieren muss? Natürlich müssen wir nachbessern – das ist logisch. Die neuen Regeln von 2018 sind allerdings ein Witz hinsichtlich der Zielsetzung. Glaubt echt jemand, dass unsere Registrierung, also die Erfassung von sowieso schon bekannten Sexarbeitern, wie z. B. mir, irgendeinem Menschenhandelsopfer hilft? Das war ein teurer Griff ins Klo für den Steuerzahler. Verpflichtend sollte nur die Anmeldung beim Finanzamt sein, wie bei anderen Selbstständigen auch. Es wäre grundsätzlich wünschenswert, wenn MIT uns Sexarbeitern gesprochen würde – nicht ÜBER uns. Ich werde nicht müde, Dinge zu fordern, die wirklich was bewegen, und zwar: ■ finanzielle Unterstützung von anonymen und leicht erreichbaren Beratungsstellen, ■ deutschlandweit kostenlose Untersuchungen und Behandlungen in den Gesundheitsämtern, ■ den Zugang zur Künstlersozialkasse, ■ den Aufbau eines niedrigschwelligen Ausbildungs- und Fortbildungssystems für Sexarbeitende – berufsbegleitend und freiwillig, ■ die Aufnahme von Sexarbeit ins Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, ■ die Möglichkeit eines Arbeitsvisums für migrantische Sexarbeitende und vor allem, ■ ein Bleiberecht für Opfer von Menschenhandel. Wenn wir Gesetze schaffen, dann müssen wir oftmals orakeln, was die bessere Lösung ist. In puncto des Gesetzes von 2002 wissen wir das schon: Vorher war es nachweislich für 40.400 Menschen Noch bis 1977 schrieb das Bürgerliche Gesetzbuch vor, dass eine Frau die Erlaubnis ihres Ehemanns für die eigene Berufstätigkeit brauchte. Bei Abschaffung skizzierten die Konservativen das erschreckende Bild der verwahrlosten Kinder, weil die Mütter sich aufgrund der nun anfallenden Karriere nicht mehr um sie kümmerten, und zogen als Beleg traumatisierte Scheidungskinder heran. Ähnlich verhält es sich mit den Überlegungen zum Sexkaufverbot – eben nur rückwärts. Man nehme Opfer von Menschenhandel, werfe sie in einen Topf mit Sexarbeitern und verlange nun ein großes und einfaches Verbot. Die Jungen Liberalen bei einer Protestaktion gegen das Verbot der Sexarbeit im Rahmen ihres Landesparteitages.

SZENE 11 beschissener, denn Sexarbeit war rechtlich nicht anerkannt – PUNKT. Illegalität, die erzwungen wird durch Bestrafung unserer Kunden, zieht uns – logischerweise – mit bzw. wieder in den Abgrund. Jedes Mal, wenn ein Menschenhandelsopfer ausführlich seine Geschichte beschreibt und somit belegt werden soll, dass Prostitution der Grund allen Übels ist, dann frage dich, warum Sexarbeitsgegner darauf verzichten, sich grundsätzlich um das Problem „Gewalt und Unterdrückung von Menschen“ zu bemühen. Das würde nämlich die vielfach geprügelte Ehefrau mit einem normalen Beruf miteinschließen. Das interessiert keinen Sexarbeitsgegner, weil diese geprügelte Frau ja brav verheiratet ist, also einem moralischen Kodex entspricht. Nur wenn sie eine Prostituierte ist, dann müssen wir ein neues Gesetz schaffen. FOTO: BUNDESTAG / ACHIM MELDE Lass dich nicht verarschen, es geht nur um eine Veränderung der Moral zur Sexarbeit durch ein Gesetz. Jedes Mal, wenn man dir vom „ekeligen bösen Freier“ erzählt, der sich in Freier-Foren abwertend gegenüber Sexarbeitern äußert, frage dich, wie viel Sexarbeiter siehst du auf der Straße, die sich hierzu beschweren? Lediglich ein paar Aussteiger wirst du finden, denen es an professioneller Abgrenzung zum Beruf mangelte. Sexarbeiter kommen mit einer Negativbewertung klar, denn wir wissen, dass wir eine Dienstleistung anbieten. Lass dich nicht verarschen, es geht nur um eine Veränderung der Moral zur Sexarbeit durch ein Gesetz. Jedes Mal, wenn dir die irrsinnige Behauptung präsentiert wird, dass über 90 % der Sexarbeiter leiden und aussteigen wollen, frage einfach nach einem Beleg für diese 90 %. Es wird keinen geben, denn niemand kennt solche Zahlen. Es sind schlicht und ergreifend „Annahmen“. Annahmen reichen nicht für Gesetze. Und schon gar nicht, um alleine die 40.400 Sexarbeiter in Deutschland, die den Termin beim Ordnungsamt sowie Zwangsgespräche bei der Gesundheitsbehörde über sich ergehen ließen – und somit logischerweise das Einverständnis zum Beruf klar belegt haben –, beruflich zu zerstören. Jedes Mal wird von dir eine Zustimmung zu einer Rückführung zu einer sexuellen Kultur, Tradition und Moral eines Deutschlands, was so gar nicht mehr existiert, erwartet. Das Land ist bereits tolerant gegenüber Sexarbeit. „Das ist ein normaler Job“, höre ich immer wieder. Wir stehen kurz vor der Verinnerlichung dieses Wertes. Es dauert nicht mehr lange und ich werde nicht mehr mit hundert Fragen gelöchert, bewundert oder bemitleidet, weil ich Geld mit Sex verdiene. Jedoch steckt in jedem von uns ein kleiner Sexarbeitsgegner … Du glaubst es nicht? Überlege mal: Möchtest du mich als Lebenspartner mit Berufsangabe deinen Eltern vorstellen? Trotz aller rational-positiven Gedanken, die du bzgl. meiner Arbeit hast, hast du grade gezuckt oder? Natürlich hast du das – aber warum? Weil wir erzogen wurden zu denken, dass Sexarbeit was Schlechtes ist. Viele haben Sexarbeit nur im Rahmen von Christiane F. kennengelernt und sonst gar nicht. Langsam, aber sicher wird es Eltern tatsächlich ewgal, ob ein Kind schwul wird oder nicht, und irgendwann werden die Eltern ein ähnliches Verhältnis zur Sexarbeit bekommen. Wir hatten auch erst wenige Jahre, um dir zu zeigen, dass es uns gut geht, dass wir nicht psychisch krank sind und nicht konvertiert werden müssen. Ich wette, das kommt dir bekannt vor. Hast du Fragen hierzu? Kritik? Anmerkungen? Möchtest du uns unterstützen? Bitte schreib mir eine Mail an dominus@besd-ev.de! *André Nolte Infektiologie • UKE check Point für sexuelle Gesundheit • Gut beraten. Gut behandelt. Check! Ein neues Angebot der Infektiologie des UKE ü Ärztliche Untersuchung, Testung und Impfung ü Präventionsberatung durch Hein & Fiete ü Behandlung von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) und Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) montags 16 bis 19 Uhr • donnerstags 14 bis 18 Uhr Terminvereinbarung: checkpoint@uke.de • (040) 7410 - 52831 • www.uke-checkpoint.de Start ab November 2020 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf in Kooperation mit

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