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hinnerk Juni/Juli 2020

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Seit 1993 ist hinnerk DAS (erst schwule) und heute queere Magazin für Hamburg und Norddeutschland.

14 KULTUR NACHGEFRAGT

14 KULTUR NACHGEFRAGT NINA QUEER: „Sie ist wieder da“ Das neue Buch der erfolgreichen „Comedy Central“- und „Radio Energy“-Moderatorin und männer*-Kolumnistin versammelt das, womit Lady Q bundesweit für Aufsehen sorgte: fantastische Geschichten mit ihrem typischen sexuellen Humor auf einer geschickten Ebene zwischen „cool und extraordinär“ und einem Hauch von Skandal. Wir chatteten mit der „Queen of all Media“, die auch gerade einen neuen Kinofilm am Start hat: „Zeit der Monster“. Deine Kolumnen begeisterten, sorgten aber auch bei manchen Queers für Unmut. Fühlst du dich oft falsch verstanden? Klar fühle ich mich falsch verstanden, denn so ist es ja auch. Ich schreibe etwas und habe dabei etwas ganz Bestimmtes im Sinn. Will etwas Gezieltes damit ansprechen oder rühren. Jemand anderes liest es und interpretiert es womöglich ganz anders. Versteht es also nicht oder falsch. Es ist also von jeher schon so, dass man ganz schnell und ganz leicht falsch verstanden wird. Natürlich bin ich meinen Lesern nicht sauer deshalb. Auch ich bin Leserin und kann den Autoren oft nicht folgen. Nur eine offene und wahrhaftige Diskussion, bei der jeder seine Meinung vorbringen darf und gehört wird, eine Diskussion, bei der sich alle Beteiligten vorurteilslos gegenübersitzen und in eine vernünftige Kommunikation eintreten, könnte diese – doch recht ungünstige – Situation des Missverstandenwerdens aus dem Weg räumen. Wie wir aber alle wissen, scheuen die Menschen ehrliche und offene Auseinandersetzungen. Sie haben komplett verlernt, vernünftig miteinander zu reden. Ich bezweifle sogar, dass sie es jemals konnten. Viel lieber scheißen sie einem digital ins Wohnzimmer und verlassen den Raum. Dazu kommt noch ein weiteres massives Problem: Als Dragqueen wird man als Schriftstellerin von der Öffentlichkeit doch gar nicht ernst genommen, weil einem niemand literarische oder poetische Qualitäten zuspricht. Man bleibt auf immer und ewig vorverurteilt, nur zur Partyfraktion zu gehören, und aus diesem Grund muss ich mich der Tatsache hingeben, ein Leben lang Gefangene im Arschloch des Entertainments zu sein: der Travestie! Zerdrückt

KULTUR 15 und erschlagen von Vorurteilen, meist aus der eigenen Community. Willkommen im Jahr 2020. Dein neues Buch ist eine eindeutige Weiterentwicklung in Erzählstil und Empfindsamkeit. Warum spielt das Thema Liebe eine so zentrale Rolle? Es wäre doch eine Zumutung für meine Leser, wenn ich intellektuell auf dem gleichen Niveau daherkäme wie beim Vorgänger-Buch „Dauerläufig“. Es wäre beschämend für mich selbst, wenn ich nichts dazugelernt hätte. Zumindest literarisch. In der Liebe habe ich nämlich nichts dazugelernt. Da bin ich immer noch so dumm und naiv wie mit sechzehn. Da ich mich im neuen Buch intensiv mit diesem Problem auseinandergesetzt habe, muss ich einfach gestehen, dass sich das bis zu meinem Tod vermutlich nicht ändern wird. Letztlich bin ich aber froh darüber. Man sollte die Liebe besser naiv betrachten. Wenn man sie zu ernst nimmt, wird sie zur Qual und fängt an, einem das ganze Leben aufzufressen. Als ich am neuen Buch schrieb, war ich ziemlich oft traurig oder high. Ich bereue es, so viele Tage in Dunkelheit verschwendet zu haben, aber es war unumgänglich, um das Licht wieder schätzen zu lernen und um das Leben wieder genießen zu können. Du bist privat links und ohne jeden Zweifel tolerant. Aber trotzdem spielst du auch mit dem Image, das dir von Kritikern verpasst wurde ... So ist es. Ich spiele damit. Das gebe ich offen und ehrlich zu. Warum mache ich das? Nun … die meisten Menschen sind einfach zu manipulieren und Hater, Kritiker und Konkurrenten meist blind vor Hass. Da weiß ich natürlich genau, welche Knöpfe ich drücken muss, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Die Trottel fallen jedes Mal wieder darauf rein. Herrlich. Andererseits würde mir aber der Titel einer „Bestsellerautorin“ oder „Skandalkolumnistin“ nicht gebühren, wenn ich das Genre der Provokation nicht zu meinem gemacht hätte. Bücher und Kolumnen werden nur durch Kritiker legendär. Niemals durch die normalen Leser. Diese können lediglich die Verkaufszahlen beeinflussen. Du hast ein neues literarisches Genre erfunden: obszön-intelligent. Klär mich mal auf. Mein Verleger findet, dass er einen Schreibstil wie den meinen noch nie zuvor gesehen und erfahren hat. Er war begeistert und bot mir direkt einen Vertrag über viele Jahre für viele, viele Bücher an. Was mich erst einmal in Sicherheit wiegt und mich auf sanften Wassern dahinsegeln lässt. Ich mache mir über meinen eigenen Schreibstil gar keine Gedanken. Ich schreibe so, wie mein Gehirn oder meine Emotionen mich lenken. Wenn das nun intelligent und obszön gleichzeitig sein soll, na dann BON APPÉTIT! Momentan sitze ich, unter anderem, auch an einem Krimi. Ich bin ganz gespannt, ob der auch obszön und intelligent wird. Vielleicht die ideale Vorlage, um die langweiligen Tatort- Drehbücher mal aufzumotzen. Was hat die Corona-Pandemie bei dir eigentlich verändert? Denkst du wie so viele, dass du nun achtsamer leben wirst? Für mich hat sich eigentlich nur geändert, dass meine Party- und Veranstaltungsschiene weggebrochen ist. Zu Beginn wusste ich nicht so recht, was das für mich zu bedeuten hat, und ich hab die zusätzliche freie Zeit erst einmal genutzt, um mich von 15 Jahren Party ohne Pause auszuschlafen und zu erholen. Dann erkannte ich, dass diese Veränderung DIE CHANCE ist, um als Autorin voll durchzustarten. Endlich hatte ich Zeit, um all meine angefangenen Bücher und Manuskripte weiterzuführen oder gar zu beenden. Ich bin sehr stolz darauf. Ansonsten ist das Leben als Autorin und Kolumnistin immer schon einsam gewesen. Zu schreiben bedeutet sich abzukapseln, sich einzusperren und alleine zu sein. Von daher musste ich mich an keine neue Situation gewöhnen. Die Einsamkeit war für mich nicht neu. Sie ist eine alte Bekannte. Eine gute Freundin. Als Nächstes will ich Regisseurin werden. Ich habe große Lust mich weiterzuentwickeln und einen meiner eigenen Stoffe selbst zu verfilmen. Ich habe gerade 100.000 Euro Filmförderung überwiesen bekommen und überlege jetzt genau, was ich damit mache. Was erfreut dich jeden Tag neu? Mich erfreuen einfache Dinge wie mein kleiner Hund. Er ist 15 Jahre alt und noch topfit. Jeder Tag mit ihm ist ein Geschenk. Ich mag den Geruch von frisch gemähtem Gras oder nassem Asphalt, nachdem es geregnet hat. Manchmal stehe ich nachts stundenlang auf meinem Balkon und betrinke mich in aller Ruhe, während ich die Menschen beobachte, die unten, wie Ameisen, in den Häuserschluchten hin und her huschen. Das Leben ist schön, und diese Erkenntnis erfreut mich jeden Tag. *Interview: Michael Rädel nibe-media.de FOTOS: MOTEEFE.COM/STORE/KIOSK

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