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hinnerk August/September 2020

Seit 1993 ist hinnerk DAS (erst schwule) und heute queere Magazin für Hamburg und Norddeutschland.

8 SZENE INTERVIEW Das

8 SZENE INTERVIEW Das Team von ROMEO ROMEO-Gründer: „Sexuelle Präferenzen diskriminieren“ Ist das Aussortieren von Sexpartner*innen nach ethnischen Merkmalen rassistisch? Jein. Das kommt nämlich auf mehrere Faktoren an, sagte uns der Gründer und Chef von ROMEO, Jens Schmidt im exklusiven Interview zur Suchfunktion „Ethnie“, daß er uns im Vorfeld der diesbezüglichen ROMEO-Stellungnahme vom 13. Juli gab. „ROMEO sucht weiter mit Stereotypen“. So oder krasser sind die Schlagzeilen, die ihr zu erwarten habt, wenn ihr mit der Nachricht raus geht, weiter ethnische Merkmale als Suchfilter anzubieten. „Das schwule Einwohnermeldeamt bleibt national befreite Zone“ könnte es aus der anderen extremen Seite schallen. Sprechverbote und Meinungsdiktatur wurden Grindr von letzterer reflexartig unterstellt. Zum Einstieg daher eine Frage mit Bitte um kurze Antwort: Warum lasst ihr es überhaupt drauf ankommen und wartet den Sturm nicht einfach ab? Diskriminierung und Beleidigungen zwischen Usern ist nicht erst seit heute ein wichtiges Thema und schon immer unser täglich Brot. Leider wird es das mutmaßlich auch immer sein. ROMEO steht für mehr als den schnellen Sex und reflektiert daher die Gesellschaft in all ihren Aspekten und auch Konflikten. Tatsächlich haben wir im Zuge der aktuellen Rassismusdiskussion nur sehr wenige Anfragen von unseren Usern erhalten und hätten sicher auch bequem abwarten können. Allerdings sind solche Anlässe in der öffentlichen Debatte ja auch immer gute Gelegenheiten, die eigene Perspektive zu hinterfragen. In unserem Falle bedeutet das, sich mit der Nutzung unseres Dienstes zu befassen. Da wir etwas tun können was kein anderer kann: wir haben uns die Zahlen genauer angeschaut. Diese Auswertung hat uns dann doch positiv überrascht, denn der Filter für Ethnien wird nur von einem verschwindend geringen Prozentsatz fragwürdig genutzt. Wieviel nutzen denn diese Angaben und Funktionen anteilig und in Relation? Von den rund 2 Millionen regelmäßigen Usern haben sich 1,2 Millionen selbst im Profil einer ethnischen Gruppe zugeordnet und zeigen dies auch im Profil an. Weltweit haben davon rund ein Drittel aller User Zugang zu den Filtern. Entweder weil sie die Webseite nutzen oder in der App bezahlen. 34.480 nutzen dann auch diese Suchfunktion nach Ethnie. Davon aber eine überwältigenden Mehrheit nach spezifischen Ethnien und in der Regel nicht die Eigene. 1.577 haben alle Optionen bis auf eine ausgewählt, was man als ausfiltern ansehen kann. Dass dies jetzt bei allen aus rassistischen Motiven geschieht wage ich aber auch zu bezweifeln. Ich empfinde es bei aller berechtigten Kritik und notwendigen Diskussion sogar als recht beruhigend, dass die Neugier auf das Andere im sexuellen und partnerschaftlichen Begehren so

deutlich dominiert und das auch über alle künstlichen „Ethniengrenzen“ hinweg. Wir werden daher die Funktion von „Filter” in „Suche” umbenennen. Das reflektiert die Nutzung besser. Wie die Zahlen bei unseren Mitbewerbern und in den USA ausschauen kann ich natürlich nicht beurteilen. Trotzdem transportiert die technische Funktion, Menschen nach ethnischen Merkmalen zu markieren, Rassismen. Wir kennen durch die Globalisierung alle solche Beispiele: „Woher kommst Du denn, du siehst nach …“ – „… Hodenhagen. Bei Hannover.“ Warum wollt ihr das trotzdem weiter mitmachen? Ja, das kann ich gut verstehen. Daher ist die Auswahl der eigenen Ethnie auch freiwillig. Ablehnung ist immer schmerzhaft, beim Dating und auch sonst. Es stellt sich aber die Gegenfrage: Was verhindern wir, wenn wir das technisch unterbinden und quasi verstecken? In Amsterdam ist es ganz normal zu fragen wo jemand her kommt und keiner hat da negative Gedanken. Sicherlich kann die Frage auch rassistisch gemeint sein, aber das ergibt sich sicherlich schon aus den Umständen. Allgemein die Toleranzschwelle abzusenken, wird zu Unsicherheit und Tabuisierung führen. Meine Befürchtung ist, dass wir dadurch langfristig nur die Ablehnung verstärken und der Umgangston rauer wird. ROMEO gibt es nächstes Jahr 20 Jahre. Anders als Eure jüngeren Mitbewerber könnt ihr schon auf mehrere große Themen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen zurückblicken. Hilft das? Ja. Und egal, wie ich es jetzt ausdrücke, wird es sicher der Komplexität beider Themen nicht gerecht, aber vielleicht hilft es, unsere Perspektive besser zu verstehen. Bareback war eines der größten Themen vor inzwischen schon recht langer Zeit. Vor Schutz durch Therapie und PrEP. Uns wurde damals in vielen erregten Nutzeranfragen immer wieder nahegelegt, um es mal freundlich zu formulieren, dass wir die Angaben zu Safer Sex gefälligst abzuschaffen hätten, Gruppen dazu zu löschen etc. ... Aus der heutigen Perspektive mit den Shitstorms und Erregungswellen in den sozialen Medien, wäre es sicher deutlich schwerer gewesen dies durchzuhalten. Aber wir waren und sind an den langfristigen Konsequenzen interessiert. Was im Moment vielleicht sexy oder gut aussieht, weil es technisch beseitigt wird – „Hurra, keiner macht Bareback“ – wird am Ende ja noch viel schlimmer, weil es im Untergrund vor sich hin gärt. Was sich als Präventionsstrategie als richtig erwiesen hat, der offene Umgang und die Debatte über sichtbares Verhalten, kann durchaus auch in der aktuellen Situation als Erfahrung herangezogen werden. Es mag nicht so schön aussehen, wenn der Apfel Flecken hat. Es ist aber so rum besser, als wenn er von innen verrottet ist und nur außen glänzt. In eurem Statement geht es auch um die Profiltexte. Grindr stand vor zwei Jahren dafür unter Beschuss - Stichwort „No Asians”. Wo zieht Ihr die rote Linie? SZENE 9 Ja, und wir finden das Thema sogar noch viel wichtiger und noch schwieriger als die Suche. Wir haben uns auch dazu die Zahlen angeschaut und nach typischen Wörtern in Bezug auf Ethnie und Body- Shaming gesucht. Wir haben 1.485 gefunden und stichprobenartig angeschaut. Dies kann uns aber nur eine Idee geben, denn wir kennen natürlich nicht alle Codewörter in allen Sprachen. Zum anderen war ein guter Anteil der gefunden Profile „false positive“ oder nicht zum Thema. Menschliche Sprache lässt sich nicht in Checkboxen quetschen und es gibt da keine digitale rote Linie. Als Grundsatz werden wir auch zukünftig die Beschreibung von sexuellen Präferenzen im Profiltext erlauben. Wir erlauben dabei aber keine abwertenden Begriffe oder negativen Kontexte. Man muss sich jeden Fall einzeln anschauen. Es ist nicht so, dass wir das toll fänden, aber langfristig muss man in Eskalationsstufen denken. Keine Suche nach Ethnien führt zu einer Abwanderung in den Profiltext. Würden wir gegen Angaben zu Präferenzen vorgehen, würde diese in Codewörtern beschrieben. Diese sind dann immer verletzend und können von uns nicht mehr wirksam verhindert werden. Selbst wenn wir dies könnten, würden sie in den privaten Chat abwandern. Technisch könnten wird auch dann noch eingreifen, was wir aber weder tun noch vorhaben zu tun. Selbst dann würde die Ablehnung immer noch in der realen Welt an der Haustür passieren. Zufälliges Matching, Terminabsprache, Regenbogenburka überziehen, treffen, Licht aus – das erscheint glaube Endlich! Ralf König ist wieder auf den Hund gekommen. Die neuen Geschichten von Roy und Al und ihren ‚Herrchen‘. ISBN 978-3-86300-300-5 64 Seiten, 15,00 €

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