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hinnerk August/September 2020

Seit 1993 ist hinnerk DAS (erst schwule) und heute queere Magazin für Hamburg und Norddeutschland.

FILM INTERVIEW WELKET

FILM INTERVIEW WELKET BUNGUÉ: „Ich habe kein Hasch verkauft“ Burhan Qurbanis modernes Kino-Update des legendären Romans „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin feierte auf der Berlinale im Februar seine Weltpremiere und kommt nun am 30. Juli endlich in die Kinos. Wie der Regisseur der Vorlage treu bleibt, sie aber glaubwürdig und brandaktuell erzählt, ist ein beeindruckender, moderner und toll gespielter Kraftakt, der obendrein mit Bildern aufwartet, wie sie im deutschen Kino viel zu selten sind. Und ganz besonders beeindruckend ist Hauptdarsteller Welket Bungué, der den in Berlin ankommenden Geflüchteten Francis spielt. Wir haben uns mit dem portugiesischen Schauspieler, der kürzlich für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde, unterhalten. Herr Bungué, Sie sind in Guinea- Bissau geboren und in Portugal aufgewachsen. Mit dem Titel „Berlin Alexanderplatz“ konnten Sie zunächst vermutlich nichts anfangen, oder? Da haben Sie recht. Ich hatte von dem Roman noch nie gehört, und als ich 2017 eine E-Mail von einer Casting-Agentin mit dem Betreff „Berlin Alexanderplatz“ bekam, dachte ich zunächst, das sei Spam. Aber sie hatte mich ein paar Monate vorher gesehen, als ich mit dem Film „Joaquim“ zu Gast auf der Berlinale war. Als mir klar wurde, worum es da ging, schickte ich natürlich ein Video von mir ein. Und fünf Monate später war ich in Berlin, um an der Seite von Jella Haase und Albrecht Schuch auch persönlich vorzusprechen. Eine Inspiration für Regisseur Burhan Qurbani waren die aus Afrika stammenden Drogendealer in der Berliner Hasenheide. Haben Sie in dem Park für Ihre Rolle recherchiert? Ich habe kein Hasch verkauft, wenn Sie das wissen wollen. (lacht) Aber natürlich habe ich – mit und ohne Burhan – viel Zeit an den Orten verbracht, an denen der Film spielt, nicht nur in der Hasenheide, sondern auch im Berliner Nachtleben. Das war für mich wichtig, um diesem Francis, den ich spiele, wirklich nahezukommen. Was zeichnet Qurbani als Regisseur aus? Burhan ist eigentlich nie aufbrausend, sondern immer sehr einfühlsam und konzentriert. Und er ist in seiner Kreativität unglaublich beharrlich, nimmt jedes kleinste Detail wahr. Eine Geschichte auch nur im Ansatz holzschnittartig zu erzählen, wäre das Letzte, was ihm in den Sinn käme. Aber was vielleicht das eigentlich Besondere an ihm ist, ist das Gefühl von Bruderschaft und Zusammenhalt, das er in seinem Team erzeugt. Er respektiert alle als gleichberechtigt – und jedermanns Stimme wird gehört. Das habe ich in dieser Form noch nicht erlebt. Und wahrscheinlich konnte er nur deswegen einen Film drehen, der so vielschichtig und feinsinnig von Menschen erzählt, denen sonst nicht immer und überall Würde entgegengebracht wird.

FILM FOTOS: 2019 SOMMERHAUS/EONE GERMANY Das Verhältnis zwischen dem von Ihnen gespielten Francis und dem Gangster Reinhold geht über Bruderschaft noch hinaus: Da liegen Liebe und Hass, Sanftheit und Gewalt, aber auch eine erotische, queere Anziehung sehr nah beieinander. Wie würden Sie die Beziehung der beiden beschreiben? Zwischen diesen beiden Männern und ihren jeweiligen Welten herrscht definitiv eine magnetische Anziehung. Und in dieser Darstellung geht es definitiv um das Aufbrechen einer Heteronormativität und gängiger Männlichkeitsbilder. Die Klischees davon, wie ein schwarzer Mann zu sein hat oder auch ein weißer Hetero-Mann, werden hinterfragt. Für Stereotype ist in „Berlin Alexanderplatz“ kein Platz. Dass das gelungen ist, liegt einerseits an Burhans Großzügigkeit, aber andererseits – das muss ich so sagen – auch an den Schauspielern. Ohne die Intimität zwischen Albrecht Schuch und mir wäre das nicht gegangen. Francis kommt mit einem großen Trauma in Berlin an, wo er viele weitere tragische Erfahrungen macht. Konnten Sie all das nachempfinden? Natürlich nicht im Detail, schließlich ist meine eigene Vergangenheit eine ganz andere. Aber das heißt ja nicht, dass man sich nicht einfühlen kann. Schauspielerei ist schließlich mein Beruf. Und in gewisse Situationen kann man sich gezielt hineinversetzen. Genau wie er sprach ich zum Beispiel kein Deutsch, als ich hier ankam, und musste also die Sprache und damit auch irgendwie die deutschen Denkstrukturen genauso lernen wie er. Oder nehmen Sie die körperlichen Einschränkungen: Sechzig Prozent des Films muss Francis mit nur einem Arm auskommen, also habe ich natürlich – vom Duschen bis zum Schuhebinden – geübt, wie man so durchs Leben kommt. Wo Sie gerade Ihr Deutsch ansprechen, von dem Sie vorab sagten, dass es längst nicht gut genug sei, um unser Gespräch auf Deutsch zu führen: Hätten Sie trotzdem Interesse daran, auch künftig weiter in deutschen Filmen mitzuspielen? Das würde ich großartig finden. Aber tatsächlich müsste ich dafür noch ordentlich an meinen Sprachfähigkeiten arbeiten. Ich lebe zwar mittlerweile in Berlin, aber eben nur teilweise, denn genau genommen pendle ich zwischen Portugal, Brasilien und Deutschland. Ich bin immer auf der Durchreise, immer auf dem Sprung. Da passiert es leider häufiger, dass ich das Deutsch-Üben doch etwas aus den Augen verliere. Wenn sich aber wieder einmal die Chance auf eine Rolle in einem deutschen Film ergeben sollte, würde ich mich sofort mit voller Hingabe dieser Aufgabe widmen und habe keinen Zweifel daran, dass ich das sprachlich hinbekommen kann. Ai Weiwei hat kürzlich sehr geklagt über seine Erfahrungen als Ausländer in Berlin. Wie ist es Ihnen selbst als Neuankömmling ergangen, der ja auch heute noch hier lebt? Im Großen und Ganzen habe ich mich in Berlin immer willkommen gefühlt. Wobei ich mich natürlich größtenteils in einer Blase aus Gleichgesinnten und Künstlern bewege, die sehr weltoffen ist. Selbstverständlich gab es auch harte, unangenehme Situationen. Aber die gezielt zu betonen, wäre ungerecht, denn Rassismus habe ich auch in Portugal oder Brasilien schon erlebt. Zumal Berlin wirklich eine Stadt ist, in der es Außenseitern und Neulingen relativ leichtfällt, ihresgleichen zu finden. Tatsächlich? Wie gesagt: Auch Berlin kann ein hartes Pflaster sein und natürlich gibt es auch hier viele Menschen, die allem, was sie als fremd empfinden, mit Angst oder Ablehnung begegnen. Wie überall sonst auch wächst der Populismus. Aber insgesamt lässt Berlin Platz zum Atmen. Viel mehr als andere europäische Großstädte erlaubt Berlin denjenigen, die aus welchem Grund auch immer am Rand der patriarchalen Mehrheitsgesellschaft stehen oder einfach irgendwie anders sind, sie selbst zu sein. Wovon ja, wenn auch nicht unbedingt mit Happy End, „Berlin Alexanderplatz“ erzählt, oder? Genau! Der Film ist gleichzeitig eine Version des echten Berlins und ein utopischer Mikrokosmos, der Figuren und Körpern eine Bühne bietet, die im sonst oft elitären und sich den Problemen der Mehrheit widmenden Kino keinen Platz haben. Wie Burhan Qurbani dieses archetypische Stück deutschen Kulturguts in etwas Disruptives, in einen revolutionären Kino- Moment verwandelt hat, finde ich einfach großartig. Und es zeigt beispielhaft, dass sich die Gesellschaft wirklich zumindest ein bisschen verändert und öffnet. *Interview: Patrick Heidmann

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