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hinnerk August/September 2020

Seit 1993 ist hinnerk DAS (erst schwule) und heute queere Magazin für Hamburg und Norddeutschland.

14 SZENE Juden müssen

14 SZENE Juden müssen Gehsteige putzen, Wien, März 1938 zu entwickeln. Gerne wird der Homosexualität auch mal wissenschaftlich das Angeborensein abgesprochen, die Tatsache ausnutzend, dass man bisher tatsächlich nichts fand. Aber dies hat bisher 1. auch keiner in Bezug auf Heterosexualität verlangt und 2. ignoriert es die Tatsache, dass dies bei praktisch allen höher organisierten, sozial lebenden Lebewesen auf der Erde vorkommt und damit einfach natürlich ist. Im Wissen, dass aufgrund der Säkularisierung in vielen Staaten biblische Gebote und Verse keine rechtliche Bindung haben bzw. kein Gehör, sehen die Anwender von „separate but equal“ gerade auch hier in der Wissenschaft die Möglichkeit, gegensteuern zu können. Sie schufen sich mittels der Wissenschaft und der gezielten Umdeutung wissenschaftlichen Vokabulars (diese Analyse von Christian Maluck macht es sehr deutlich: https://bit.ly/3fMU6Op) ein vermeintliches Deckmäntelchen für die Behauptung, man sei ja nicht gegen eine bestimmte Gruppe. Aber es gäbe doch eindeutige Anzeichen, dass man hier unterschiedlich behandeln müsse. – Die Parallelen zur Geschichte der Sklaverei und Rassendiskriminierung sind da doch auffällig. RASSENDISKRIMINIERUNG VS. HOMO- PHOBIE, ODER DOCH ALLES DASSELBE? Rassendiskriminierung war schon alleine wegen unserer eigenen Geschichte etwas, das als zutiefst rechtes Gedankengut verpönt wurde – zu Recht. Sie war und ist und sollte es immer sein: der Inbegriff der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Doch Rassendiskriminierung, machen wir uns nichts vor, war nie weg. Wir alle stehen vor einem Spalt, den wir fast für geschlossen gehalten hatten, und merkten nicht, dass er hinter uns weiterführte und dort Zeit hatte, unbemerkt größer zu werden. Und Rassendiskriminierung hatte schon immer Nebenspalten, „Kinder“, die man gerne ignorierte, weil sie halt wieder „anders“ waren und man sich gemütlich damit herausreden konnte, dass dem hier ja wohl etwas völlig anderes zugrunde läge. Es dürfte – glaube ich – deutlich geworden sein, dass sowohl der Homophobie als auch der Rassendiskriminierung argumentativ denselben Strukturen folgt. Denn Menschenfeindlichkeit entsteht nicht einfach so, sie entwickelt sich und wird besonders durch die Sprache getragen. Es wird ein „wir hier und die dort“ konstruiert, und vor allem fundamental denkende Christen berufen sich dabei gerne auf ihren moralisch „überlegenen“ Anspruch aus der Bibel. Und wo konnte sich der zugrunde liegende Mechanismus besser zeigen als in den Riots, die heute die Grundlage unserer Prides sind, wo es vor allem schwarze Queers waren, die sich erhoben und gegen die Unterdrückung aufbegehrten. Wenn die religiösen Dogmen aber nicht reichen oder der Ansatz in die säkulare Welt hinausgetragen werden muss, wird wieder die Wissenschaft bemüht – History Repeating. Sei es von christlichkonservativen Thinktanks nahestehenden Wissenschaftlern (Lawrence S. Mayer, Paul R. McHugh: Sexuality and Gender - Findings from the Biological, Psychological, and Social Sciences, The New Atlantis, 2016) oder unvollständiges/partielles Zitieren von wissenschaftlichen Publikationen. WAS IST „NORMAL“? ODER: DIE FRAGE NACH DEM RECHT, ZU BESTIMMEN Zu guter Letzt hilft immer noch das wunderschöne Wort „normal“. Normal war immer gut, um eine Dichotomie von wir und ihr zu konstruieren. Sei es bei Rassentrennung (Juden wurden/werden als nicht normal beschrieben) oder bei Homosexualität (wurde/wird auch als nicht normal beschrieben). Auch die Kultur der Flüchtlinge wird gerne als nicht normal beschrieben, um deren „Nichtpassung“ zur westlichen Kultur zu rechtfertigen. Wie sonst lässt sich erklären, dass der Islam gerne auch als rückständig und frauenfeindlich beschrieben wird, im Gegensatz zur eigenen Kultur, die man als normal empfindet? Dr. Michael Gommel umschrieb das Problem dieses Wortes in seiner Doktorarbeit folgendermaßen (ab Seite 40): „Humanbiologische Diskurse des 19. Jahrhunderts seien paradigmatisch für das, was Link eine protonormalistische Strategie nennt. Die biotische Dimension des Lebendigen sei dasjenige gewesen, woran das ‚natürlich Normale‘ abzulesen sein sollte.“ (Link J: Versuch über den Normalismus. 2., aktualisierte und erweiterte Aufl. Westdeutscher Verlag, Opladen Wiesbaden (1999))

SZENE 15 Und weiter: „Nach Link ist ‚Normalität keine natural gegebene und nachwachsende Ressource, sondern stets Produkt von Normalisierung, d. h. von Normalisierungs-Dispositiven, und demnach exklusives Produkt moderner Gesellschaften.’ Mit anderen Worten: Normalität ist ein Kulturprodukt der Moderne und erfordert einen Willen zur Normalisierung.“ Und schließlich: „Die von den normalistischen Verfahren kontinuierlich gemachten Diskontinuitäten (z. B. Antagonismen) sind stets schon als solche semantisch und insbesondere symbolisch (in der Regel durch Binäropposition) markiert: männlich vs. weiblich, gesund vs. krank,... Solche sprachlichen, in der Regel symbolisch verstärkten, Differenzzeichen suggerieren deutlich getrennte semantische Komplexe, ‚Qualitäten‘ genannt, zwischen denen eine symbolische Kluft liegt. Die normalistische Kontinuierung ‚unterlegt‘ solchen diskontinuierlichen semantischen und symbolischen Komplexen sozusagen eine kontinuierliche Fläche, auf der die ‚Qualitäten‘ dann wie Teppiche mit Zwischenräumen zu ‚liegen‘ kommen.“ Immer wieder vergessend, dass normal also ein künstlicher, wertender Begriff ist, der naturalistische Gegebenheiten eben nicht adäquat widerspiegelt, wird er nichtsdestotrotz als Argument gegen die Ehe für alle, gegen Adoption und vielerlei anderer Rechte von LGBTIQ* benutzt. Einfach indem man sich auf eine Dichotomie gemütlich zurücklehnt und dabei außer Acht lässt, dass ein schon per se künstlichwertender Begriff keine wahre Aussage über biologische und soziologische/gesellschaftliche Diversität treffen kann. FAZIT Es ist egal, ob man seine Homophobie oder seinen Rassismus mittels Wissenschaft oder religiöser Ansichten zu rechtfertigen versucht – sie gehören abgeschafft. *Sven Paßmann DER AUTOR: Sven Paßmann ist 42 Jahre alt und hat zusammen mit Christian Maluck vor sechs Jahren begonnen, bei den Facebook-Seiten „Demo für alle“, „Familienschutz“ und anderen Ablegern mitzudiskutieren, um die dort getätigten falschen Behauptungen und Tatsachenverdrehungen wieder geradezurücken. Sein früheres Engagement in der schwul-lesbischen Szene in Jena während seines Studiums (inkl. Vereinsvorsitzender bei queerschnitt e. V.) setzt er hier wieder fort, da er feststellen musste, wie leicht es der Homophobie fiel, sich unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Gender- Ideologie zu verstecken, um all die Errungenschaften aufs Neue massiv zu bedrohen. Die Denk- und Diskussionsansätze, die er dabei verfolgt, speisen sich aus den Erkenntnissen der Biologie, Psychologie und Soziologie sowie anderer Wissenschaften und verfolgen ein ganzheitliches Bild. 20 Quellen Hinweis: Online ist der Artikel mit allen Quellenverweisen hier abrufbar: https://bit.ly/2BjnJYO

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