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hinnerk August/September 2020

Seit 1993 ist hinnerk DAS (erst schwule) und heute queere Magazin für Hamburg und Norddeutschland.

10 SZENE ich niemandem

10 SZENE ich niemandem als eine gute Alternative. Sexuelle Präferenzen sind am Ende auch immer diskriminierend. Ich glaube wir müssen diese akzeptieren und sorgsam einhegen. Am Ende macht der Ton die Musik. Das funktioniert bei euren jungen, aber größeren Brüdern nicht wirklich. Hasskommentare und offene Abwertung sind bei Facebook und Twitter die bestimmenden Themen in der öffentlichen Wahrnehmung. Hast Du eine Erklärung, warum das bei euch anders ist? Zum einen geht es bei uns ja erstmal ums Dating und für die meisten nicht um die große gesellschaftliche Diskussion. Zum anderen geht es da um ganz andere Größen. Die Lösung technisch zu suchen erscheint mir weder möglich noch erstrebenswert. Sollen zukünftig Algorithmen unsere moralischen Standards kontrollieren und so definieren? Hier helfen nur qualifizierte Mitarbeiter und gesellschaftliche Diskussion. Was uns betrifft, bei uns bleibt man ja auch sehr häufig, wenn man einen Partner gefunden hat. Wir stehen vielleicht mehr auch für Freundschaften. Jedenfalls haben wir sehr viele Mitglieder die schon lange dabei sind. Ich glaube das hilft dabei User zu motivieren, uns Verstöße zu melden. Und dann muss man sich auch darum kümmern. Unsere großen Brüder könnten und sollten sich das auch leisten. Es lässt sich ja vortrefflich streiten wenn man selber nicht betroffen ist. Habt ihr nicht Angst, dass ihr die Alltagsdiskriminierung selber gar nicht mitbekommt. Stichwort „White Supremacy”? Ich verstehe die Problematik, aber eine Ethnie von der Diskussion auszuschließen und als Täter zu klassifizieren, hat selber den Beigeschmack des Rassismus und erscheint mir nicht zielführend. Wenn du in Amerika zum Beispiel die App „Adam for Adam“ nutzt, die hauptsächlich von People of Coulor genutzt wird, siehst du fast auf der Hälfte der Profile die Angabe „keine Weißen“. Das ist natürlich persönlich und individuell keine schöne Erfahrung. Ich finde das aber andererseits sehr beruhigend. Denn auch unsere Zahlen zeigen das die Sucheinstellungen und unfreundliche Profiltexte weltweit und bei allen Ethnien ähnlich vorkommen. Das zeigt doch, dass wir im Grunde alle gleich ticken. Solche gesellschaftlichen Konflikte kann man langfristig immer nur gemeinsam lösen. Glaubst Du denn das das Internet und Dating Apps wie eure eher Teil des Problems oder der Lösung sind. Was glaubst du wie es weitergeht? Ich glaube Beides. Wir leben in einer Zeit, in der alle die gleichen Nachrichten, die gleichen Netflix-Serien, dasselbe Facebook nutzen und in der wir dadurch weltweit eine gewisse Angleichung erleben. Ich finde das gut, denn jeder hat erstmals die Chance dabei zu sein. Daraus ergibt sich aber auch viel Konfliktpotential. Denn moralische Normen und Verhaltensweise und deren Wahrnehmung sind weltweit recht unterschiedlich. Ich selbst bin mit einem Inder verheiratet und habe dadurch ganz gute Einblicke in die indische Gesellschaft. Die hat ganz andere Probleme mit Rassismus, als wir hier. Aber auch da entwickelt sich durch den Austausch mit anderen Kulturen und Gesellschaften viel und das sehr schnell. Das Internet im allgemeinen und auch wir sind glaube ich gute Beschleuniger für diesen gesellschaftlichen Wandel. Wie bei jedem Werkzeug, steht dem natürlich das Missbrauchspotential gegenüber. Technische Filterblasen, die zur Selbstvergewisserung führen und offenen Austausch behindern. Silberhutträger, die sich weltweit zusammenschließen. Eine Anonymität, die inakzeptable Inhalte und Formen fördert und dies mit großer Reichweite. Es wird die Frage sein, wie wir damit gesellschaftlich umgehen. Man könnte dies vermutlich am besten mit der katholischen Kirche vergleichen, die mit dem Buchdruck ihr Wissensmonopol verloren hatte. Der Index der Verbotenen Bücher hat sich dann schnell zur inoffiziellen Bestsellerliste verwandelt. Wir sollten diesen Fehler beim Internet nicht wiederholen. Ohne Frage muss gegen strafrechtlich relevante Inhalte konsequent vorgegangen werden. Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein. Andererseits sollten wir uns aber auch entspannen. Nicht jede Diskussion ist automatisch relevant, nur weil sie auf Twitter trendet und besonders laut erscheint. Wir stecken gesellschaftlich bei der Nutzung des Internets immer noch in den Kinderschuhen. *Interview: Christian Knuth Das Team von ROMEO

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