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GAB Dezember 2020

gab – das Gaymagazin

14 RHEIN-MAIN-NECKAR

14 RHEIN-MAIN-NECKAR SEXARBEIT FOTO: THORE REHBACH NEUE (ALTE) MORAL Gerade mal seit 2002 wird Sexarbeit rechtlich als Beruf gesehen, und schon wieder werden Stimmen laut, Verbote gesetzlich zu verankern, um Sexarbeit wieder auszumerzen – unter dem Deckmantel der Coronakrise. Wir haben mit André Nolte, selbst Sexarbeiter und Pressesprecher des Berufsverbands der Sexarbeiter in Berlin, sowie mit Maike Biewen, Geschäftsführerin der AIDS-Hilfe Baden- Württemberg, gesprochen. André Nolte alias Dominus.Berlin „Das Problem ist, dass wir Sexarbeiter unter Generalverdacht gestellt werden“, meint André Nolte. „Beim ersten Lockdown im März oder jetzt im November haben wir natürlich gesagt: Okay, wir können nicht arbeiten und bleiben zu Hause, wie alle anderen auch. Da gab und gibt es von unserer Seite auch ein breites Verständnis. Als dann die Lockerungen im Mai kamen, die für uns aber nicht galten, fehlte uns das Verständnis. In mehreren Bundesländern wurden die Öffnungen dann teilweise gerichtlich erzwungen“. Nolte befürchtet, dass sich dieses Szenario nach dem Lockdown light wiederholen könnte. „Man spürt schon wieder diese Vorurteile, nach dem Motto: „die halten sich eh nicht an die Vorschriften und sowieso ist das alles eh ein schmutziges Gewerbe“, meint Nolte. Die Argumente, Bordelle auch während der Lockerungen weiterhin geschlossen zu halten, waren zum einen der Ausstoß von Aerosolen sowie die Gefahr, Kontakte nicht ordentlich nachverfolgen zu können – vor allem, weil Freier ihre Daten nicht preisgeben möchten. André Nolte meint dazu: „Es ist machbar mit Mundschutz. Es ist nicht schön, aber es ist machbar. Und was die Daten anbelangt: Wir sind ja nicht mehr in den 1950ern! Wir haben zum Beispiel die Daten anonym in einen Umschlag gesteckt. Natürlich, diejenigen, die sich im Restaurant als Donald Duck eintragen, tun das im Puff auch“. Vergessen sollte man dabei auch nicht, dass der Sexabreitende ein großes Interesse daran hat, gesund zu bleiben – denn sein Körper ist sein Kapital. Aus konservativen Kreisen wurden im Laufe des Jahres zusätzlich Stimmen laut, die sich im Zuge der Corona-Einschränkungen für ein generelles Sexkaufverbot stark machen. Dies gipfelte zum Beispiel in einer mit öffentlichen Geldern geförderten, professionell gestalteten Plakataktion in Stuttgart, die mit Slogans wie „Dein Spaß ist mein Horrortrip“, „Du kommst, ich verkomme“ oder „Zu verkaufen: Körper, Freiheit, Würde“ generell gegen Sexarbeit wetterten. Die Aktion ist Teil der „#Rotlichtaus“-Kampagne, bestehend aus dem Landesfrauenrat Baden-Württemberg und den Frauen des Vereins Sisters. André Nolte findet die Kampagne unsäglich: „Sie unterstellt zum Beispiel, dass jede Form von Sexarbeit einen psychischen Schaden für den Sexarbeiter mit sich bringt. Das stimmt einfach nicht“. Maike Biewen, Geschäftsführerin der AIDS-Hilfe Baden-Württemberg, bestätigt: „Die Kampagne unterstellt, dass es nur eine Art von Prostitution gibt, bei der alle Opfer sind. Selbstbestimmte Prostitution gibt es demnach nicht. Natürlich gibt es viele Menschen, die sich unfreiwillig prostituieren, aber da muss man ganz deutlich zwischen Menschenhandel und Prostitution unterscheiden“. Ein generelles Sexgewerbeverbot helfe nicht: „Es ist naiv, zu glauben, nur weil man Sexarbeit verbietet, verschwinde die Prostitution. Sexarbeit fand und findet weiterhin statt. Ein Verbot sorgt dafür, dass Sexarbeiter*innen allein gelassen und in die Illegalität gezwungen werden. Und das heißt: weniger Schutz, weniger Rechte und mehr Stigma. Sicherheitskonzepte, die Bordelle und Sexarbeitende sich gegenseitig geben, brechen weg. Angebote der Sozialen Arbeit finden keinen Zugang mehr. Wer wirklich helfen möchte, muss bei den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen anfangen. Unser Beratungsansatz besteht darin, wert- und vorurteilsfrei zu helfen und zu unterstützten, wo es gerade nötig ist. Wer aus der Sexarbeit aussteigen möchte, wird natürlich auch unterstützt, aber die Ausstiegsberatung ist nicht unser primärer Ansatz. Um professionell zu unterstützen, braucht es ein flächendeckendes Beratungsangebot in Baden-Württemberg, dessen Finanzierung gesichert werden muss“, fordert Maike Biewen. Auch André Nolte bestätigt: „Wenn du illegal arbeitest, hast du keine Rechte – zum Beispiel was das Bezahlen anbelangt. Dann sagt dir der andere, wie es läuft“. Und er gibt außerdem zu bedenken: „Insbesondere in der Männerprostitution gibt es einen großen Anteil, der nicht in Bordellen arbeitet. Die darf man ja nicht vergessen! Auf finanzielle Unterstützung wie ich sie hoffentlich durch die Corona-Hilfen bekomme, können sie nicht bauen. Und daher muss man die Beratungsstellen ausbauen“. *bjö

FOTO: KETUT SUBIYANTO, PEXELS.COM, GEMEINFREI Prima PRISMA! RHEIN-MAIN-NECKAR 15 Not macht mitunter erfinderisch: Da Gruppentreffen und ähnliche Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie gar nicht oder nur schwer umsetzbar sind, hat der Verein Queer Hanau bereits im Mai diesen Jahres den Podcast PRISMA ins Leben gerufen. „Gerade in Zeiten von Covid-19 ist Kommunikation wichtiger denn je“, erklärt Christiane von Vorstand. „Queer Hanau möchte mit PRISMA Menschen in und um Hanau sowie ganz Deutschland über aktuelle Themen und Ereignisse in der LGBTIQ*-Community informieren und ganz persönliche Geschichten von queeren Menschen erzählen“. Im Lauf der Monate ist auf diese Weise eine bunte Podcast- Bibliothek entstanden: Berichtet wurde nicht nur über die Entstehungsgeschichte des Vereins Queer Hanau, ein Beitrag widmete sich einem lesbischen Elternpaar, ein anderer einem schwulen Vater. Dragqueen Giselle Hipps erzählte, wie sie zur Travestie gekommen ist, Gesundheitsthemen wie PrEP kamen ebenso zur Sprache wie der katholische schwule Pfarrer Holger Allmenröder oder die Trans*frau Fabienne. Was dem Verein am Medium Podcast besonders gefällt: Durch die Audioaufnahmen werden Emotionen authentisch wiedergegeben. Echte Menschen aus der Umgebung erzählen aus ihrem Leben, von Höhen, Tiefen und gravierenden Entscheidungen. Und das fördert beim Hörer die Erkenntnis: Meine eigene sexuelle oder geschlechtliche Identität ist keine Krankheit – und ich bin nicht allein. PRISMA ist über Apple Podcast, Deezer, Spotify und tune in zu hören. *bjö Mehr Infos zu PRISMA gibt’s über www.queer-hanau.de

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.