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gab August 2021

12 FRANKFURT FOTO: BJÖ

12 FRANKFURT FOTO: BJÖ Die Rainbow Refugees beim CSD Frankfurt 2018 QUEERE GEFLÜCHTETE Es ist ein Lotteriespiel Laut ILGA wird in 69 Staaten Homosexualität noch heute strafrechtlich verfolgt. In Brunei, Iran, Jemen, Mauretanien, Nigeria und Saudi-Arabien droht sicher die Todesstrafe, in Afghanistan, Pakistan, Katar, Somalia und den Vereinigten Arabischen Emiraten kann unter bestimmten Vorrausetzungen die Todesstrafe verhängt werden. FOTO: GIULIA DALEY Knud Wechterstein engagiert sich seit über sechs Jahren für queere Geflüchtete in Hessen und Frankfurt: Zunächst als Mitglied des ehrenamtlichen Vereins Rainbow Refugees, der zuerst lediglich einen wöchentlichen Treff für queere Geflüchtete anbot. Schnell wurde klar, dass queere Geflüchtete mehr Unterstützung brauchen – insbesondere im schwierigen Asylverfahren. Aus dem Rainbow Refugees ist heute der Rainbow Refugee Support geworden, der bei der AIDS-Hilfe Hessen angesiedelt ist und queere Geflüchtete umfassend berät, in Asylangelegenheiten unterstützt und nach wie vor einen wöchentlichen Treff für queere Geflüchtete anbietet. Warum das Asylverfahren für queere geflüchtete oftmals einem Lotteriespiel gleicht, erklärt Knud Wechterstein im Interview. Welche besonderen Hürden ergeben sich im Asylverfahren für queere Geflüchtete? Das Verfahren selbst beinhaltet die große Anhörung, in der man als Asylbewerber seine persönlichen Asylgründe vorbringen muss. Es reicht zum Beispiel nicht, zu sagen, im Iran ist Homosexualität strafbar. Man muss darlegen, was das persönlich bedeutet und wo man eingeschränkt ist. Muss man im Verfahren auch die eigene Homosexualität beweisen? Ja, man muss das durch einen glaubhaften Sachvortrag beweisen. Und wenn die Person das nicht flüssig und ausführlich erklären kann, dann wird schnell behauptet, dass sei bloß ein vorgebrachter Schutzgrund. Dem muss ich entgegenhalten, dass von Menschen zu verlangen, die ihr Leben lang damit beschäftigt waren, sich zu verstecken, und die auch niemand hatten, mit denen sie über ihre Sexualität sprechen konnten, dass sie flüssig und ausführlich reflektiert ihr Coming-out darstellen, eine völlige Überforderung ist. Es wird nicht sensibel mit dem Thema umgegangen, wenn man eine westlich geprägte Haltung hat, die Homosexualität nur so wahrnimmt, wie wir sie hier leben. Das ist in den allermeisten Ländern, aus denen queere Menschen flüchten, komplett anders. Wenn jemand aus einem Land wie dem Irak kommt, oder Syrien oder Afghanistan, da sind die Hürden unheimlich hoch, offen darüber zu sprechen und das gesamte Thema sehr schambehaftet. In der Asylgewährung spielt das Diskretionsgebot eine wichtige Rolle. Was bedeutet das? Es wird erwartet, dass Menschen in einem Land, wo sie als Homosexuelle vom Staat oder durch die Gesellschaft Gefährdungen ausgesetzt sind, ihre Sexualität versteckt leben sollen. Zum Glück hat das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil aus dem Jahr 2020 klar gemacht, dass diskretes Leben von niemandem verlangt werden kann. In dem Urteil war ging es sogar um eine bisexuelle Person, was ich besonders bemerkenswert finde: Auch von einer bisexuellen Person kann man nicht verlangen, die Sexualität diskret zu leben. Wir erleben trotzdem immer wieder Gerichtsentscheidungen, die das einfach ignorieren. Schaut man auf die Website des BAMF, gibt es viele Angebote, die sehr integrationsfördernd klingen – auf der anderen Seite herrscht aber offensichtlich ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber (queeren) Asylbeantragenden. Kann man das verstehen?

Die Funktion des BAMF ist natürlich, die Glaubwürdigkeit der Person zu überprüfen, und dazu gehört womöglich auch Misstrauen. Wobei ich Misstrauen einen schwierigen Begriff finde. Ich würde es eher als eine kritische Auseinandersetzung sehen, mit dem, was im Asylverfahren vorgebracht wird. Aber trotzdem finde ich es gut, dass du es so formulierst, weil es leider nicht bei einer kritischen Auseinandersetzung bleibt. Meine Wahrnehmung ist, dass sehr viel Misstrauen vorhanden ist und dass sehr viel häufiger Menschen unterstellt wird, dass sie etwas erfinden. Und ich kann da nur an das BAMF appellieren, dass sie sich weniger darauf konzentrieren sollten, Gründe zu finden, weswegen es eine erfundene Geschichte ist, sondern sie sollen sich bitte wirklich auf ihren eigentlichen Auftrag konzentrieren und schauen, wie die Gefährdungslage in dem Herkunftsland ist. Darum geht‘s. Kennst du Fälle, in denen Menschen fälschlich vorgeben, homosexuell zu sein? Ja, die gibt es. Aber die Anzahl derer ist viel kleiner als die Vorstellungen, die das BAMF oder die Gesellschaft davon hat. Über den Zeitraum von knapp sechs Jahren haben wir hier mit Sicherheit 400 Menschen gesehen, und in dieser Gruppe ist das nicht mal ein Prozent. Es ist vorgekommen, dass Menschen sich an unser Netzwerk gewandt und nach einer Bescheinigung oder einem Schreiben gefragt haben, das sie als homosexuell ausweist. Wenn wir das dann verneinen, sind die Menschen schnell wieder verschwunden. Wie hoch ist die Quote ist, die man zu einem guten und gerechten Ende führen konnte? Meine Schätzung ist, dass etwa ein Drittel der Asylanträge von queeren Geflüchteten FOTO: MATTEO PAGANELLI, UNSPLASH.COM, GEMEINFREI FRANKFURT 13 beim BAMF direkt erfolgreich ist. Das heißt, die Mehrheit wird erstmal abgelehnt und rutscht ins Klageverfahren. Und die große Mehrheit derer, die wir begleiten, ist am Ende im Gerichtsverfahren erfolgreich. Wir haben leider auch Misserfolge. Wir begleiten gerade einen Mann aus Algerien der in seinem Asylverfahren abgelehnt wurde, weil das BAMF runtergespielt hat, wie die Situation in seinem Herkunftsland ist. Jetzt ist er im Klageverfahren am Verwaltungsgericht Frankfurt an einem Richter geraten, der in den letzten Jahren, egal was vorgebracht wurde, alle Klagen abgelehnt hat. Im Klageverfahren ist man immer abhängig von der Person des Richters, weil es immer Einzelrichterentscheidungen sind. Es ist eine ziemliche Lotterie, wo man letztendlich landet und ob man bei Gericht Erfolg hat. Es gibt sicherlich auch andere Varianten der Verfahrenserledigung, wenn zum Beispiel jemand einen Partner findet, eine feste Beziehung eingeht und heiratet. Da haben wir einige und ich bin, seit ich hier arbeite, regelmäßig auf Hochzeiten eingeladen. Und es ist jedes Mal sehr schön, weil ich glückliche verliebte Paare sehe. Und einige haben dadurch auch den Aufenthalt bekommen, sicherlich, andere heiraten auch, aber für alle Paare, die ich gesehen habe und die ich kenne, kann ich sagen, dass das aus Liebe passiert ist und nicht aus taktischem Kalkül. Interview: Björn Berndt Kontakt zum Rainbow Refugee Support über www.frankfurt-aidshilfe.de unter dem Stichwort LSBTIQ+-Geflüchtetenarbeit Das komplette Interview gibt’s auf www.männer.media/region/gab 29.07. SOMMER 85 06.08. SUPERNOVA 13.08. EMA 14.08. FUTUR DREI 19.08. MATTHIAS & MAXIME 25.08. CALL ME BY YOUR NAME 22.08. ELIAS 27.08. PONGA MISSI DIE SINNE REPARIEREN DER KULTURSOMMER IM HAFEN 2 - .NET QUEERE FILME UND KONZERTE OPEN AIR AM FLUSS

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.