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GAB April/Mai 2020

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Das schwul/lesbische Magazin für die Region Rhein Main Neckar und Stuttgart

40 GESUNDHEIT steckt

40 GESUNDHEIT steckt mehr dahinter als die bloße Entscheidung, sich an Hygiene-Empfehlungen zu halten, die im Übrigen ja auch keinen Sex untersagen. „An der öffentlichen Erklärung des Verzichts auf sexuelle Kontakte oder Sexdates haftet etwas Tragisches.“ Was meinst du damit? Ich denke, diese mitunter plakativ vor sich hergetragene Bereitwilligkeit, auf die eben noch gelebte sexuelle Selbstverwirklichung zu verzichten, ist ebenso eine Form der Verdrängung, wie wenn man die virale Bedrohung leugnet. An der öffentlichen Erklärung des Verzichts auf sexuelle Kontakte oder Sexdates haftet etwas Tragisches: Es wird so getan, als wolle man diesen Verzicht und könne ihn geradezu genießen. Warum sucht man denn dann Dating-Apps auf? Warum trägt man die Abstinenz so entschieden vor sich her? Eine angemessene Reaktion wäre, wie ich denke, doch zumindest auch Traurigkeit, wenn nicht sogar Empörung über das was einem fehlt, was einem genommen wird. Wünsche und Bedürfnisse nach körperlicher Nähe zu formulieren, nach Erotik, nach hautenger Sinnlichkeit – die übrigens überlebensnotwendig sind. Dass das wenig passiert, zeigt für mich, wie unverfeinert wir immer noch über sexuelle Wünsche und Bedürfnisse kommunizieren. Es wäre viel wichtiger, dass wir gerade über die Einschränkungen sprechen, wie sie uns belasten, oder auch über die Scham und Angst, wenn wir sie nicht einhalten können oder wollen. Und auch darüber wie wir sexuelle Begegnungen und Wünsche - welcher Art auch immer - erleben. Das wären doch die interessanten Themen, anstatt pastoralen Psychoterror aufeinander auszuüben. Ist das der gleiche Mechanismus, der zum Beispiel bei Kondomnutzern gegenüber PrEPern – und andersherum bei PrEP-Nutzern, die Kondomnutzer stigmatisieren – anfangs massive Wut ausgelöst hatte? Man kann beobachten, dass mit der gleichen Entschiedenheit, mit der vorher für freie Sexualität oder auch die PrEP eingetreten wurde, nun aufgefordert wird, jeglichen sexuellen Kontakt zu unterlassen. Bis hin dazu, dass die bloße Formulierung des Wunsches nach Sexualität schon problematisiert wird. In all diesen Debatten – um die PrEP oder nun die Schutzmaßnahmen gegenüber Corona – wird auch sexualmoralisch argumentiert. Ob es in dieser Hinsicht ein vor und nach Corona geben wird, bleibt abzuwarten. Manches deutet darauf hin. Wie meinst du das? Das Coronavirus berührt die Grundfesten unseres sozialen Miteinanders. Die Situation ist widersprüchlich und verlangt einem hochgradig Gegensätzliches ab. Eine Aufforderung ist es, den anderen – immer auch sexuellen - Körper zu meiden und dadurch zu schützen. Eine Reaktion auf diesen Verzichtszwang kann aber gerade die Sexualisierung sein. Man könnte sozusagen die ganze Welt ficken, weil man sich niemandem nähern kann. Fürsorglich ist auf einmal der Verzicht auf Nähe und diese Fürsorglichkeit soll in einem großen kollektiven Einvernehmen geschehen. Man wird vereinzelt, um Teil eines großen Ganzen zu sein. Diese Aufforderung, Teil einer Masse zu sein, verstärkt den Wunsch nach Zweisamkeit. Den Wunsch zum Beispiel bei einem anderen sexuell aufgehoben zu sein. Denn das entlastet von den Zumutungen der Gruppe. Geilheit könnte also vielmehr die angemessene Reaktion auf die außergewöhnliche Situation sein, sie kann aber eben – wegen Corona - nicht so umgesetzt werden. Wie geht man nun also mit diesen Bedürfnissen um? Bekämpft man sie und wird dadurch, harsch und ungeduldig gegenüber sich und anderen? Oder schafft man es, sie zu befriedigen? Und wie? Über letzteres sollten wir mehr nachdenken und sprechen! Schafft man es, sie zu befriedigen? Und wie? Über letzteres sollten wir mehr nachdenken und sprechen! Wie kann man denn persönliche Risikobewertung mit Herdendruck oder Gruppendynamik in einen Ausgleich bringen? Welchen Tipp kannst du geben? Zunächst einmal halte ich es für ratsam, die Empfehlungen öffentlicher Stellen wie RKI oder DAH ernst zu nehmen. Ich bin entschieden dafür, sich konzentriert mit ihnen zu beschäftigen und für sich Entscheidungen zu treffen, was das für das eigene Verhalten bedeutet. Wer Krankheitssymptome hat oder direkten Kontakt zu Risikogruppen oder Risikogebieten hatte, sollte sich ernsthaft überlegen, auf bestimmte oder alle direkten sexuellen Kontakte zu verzichten, wenngleich ich aber niemanden verurteilen würde, der sie trotzdem sucht. Es sind und bleiben – insbesondere in Bezug auf das Sexuelle - Handlungsempfehlungen über die die Einzelnen entscheiden müssen. Man darf auch einfach nicht vergessen, dass sexuelle Bedürfnisse zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehören. Und nicht zuletzt ist ihre Befriedigung auch gesund. Ich halte es momentan für vernünftig, die Anzahl der Sexpartner zu reduzieren Das heißt aber nicht, Sexualkontakte zwingend gänzlich aufgeben zu müssen. Und schon gar nicht heißt das, sie zu verurteilen. Wer sexuelle Wünsche und Phantasien verbietet, handelt tyrannisch und hochgradig unsozial. FOTO: CHRISTIAN BUEHNER *Interview: Christian Knuth www.marco-kammholz.de

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