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GAB April/Mai 2020

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Das schwul/lesbische Magazin für die Region Rhein Main Neckar und Stuttgart

38 GESUNDHEIT INTERVIEW

38 GESUNDHEIT INTERVIEW SEXUALITÄT IST EIN GRUNDBEDÜRFNIS – Nähe in Zeiten von Corona Die COVID-19-Krise trifft einen Bereich schwulen Lebens ins Mark: das Sexleben. Besonders in den sozialen Netzwerken scheint es nur noch zwei Seiten zu geben. Die einen gerieren sich als teflonbeschichtete Ignoranten, die anderen als argumentativ bis an die Zähne bewaffnete Moralblockwarte. Was macht Corona mit der Sexualität, was kann besonders schwuler Mann lernen, was droht eventuell für die Zeit danach. Wir telefonierten mit Sexualpädagoge (gsp) Marco Kammholz aus Köln. Corona und Sex, geht das überhaupt? Sexualität ist nicht vollends aus dem Leben verbannt und das ist erfreulich! Verändert haben sich ganz sicher das Sexualverhalten und die Phantasien vieler Menschen. Frequenz, Partnerwahl, Praktiken, Gespräche über und Aushandlung von Sex, das Erleben von Intimität, all das findet aktuell unter völlig außergewöhnlichen Bedingungen statt. Das betrifft unweigerlich den sexuellen Alltag und die sexuellen Abenteuer, auch von schwulen und bisexuellen Männern. Manche haben gerade keinen Sex mehr oder nur noch mit einem Partner. Anderen ist ob der Umstände schlichtweg die Lust oder Potenz vergangen. Manche wählen genauer aus oder schlafen vor allem mit sich selbst. Viele ändern nun gezwungenermaßen ihr Datingverhalten. Man kann, auch wenn’s das Vögeln nicht ersetzt, tatsächlich immer noch masturbieren, Pornos schauen, Camsex machen und sich Sexting widmen. Oder sich in einer bzw. bestimmten ausgewählten sexuellen Beziehungen ausleben. In den offiziellen Regelungen geht es darum, alle nicht notwendigen Kontakte einzustellen. Nun ist die spannende Frage: Zählt die Befriedigung des sexuellen Grundbedürfnisses zu den notwendigen Kontakten? Und wenn ja, in welcher Form und mit wem? Es gibt viele Menschen, die ohne Probleme eine längere Zeit auf Sex verzichten, ganz ohne Corona-Krise. Aber alle müssen sich plötzlich neu mit ihrer Partnerschaft, ihren Affären oder ihren Beziehungskonstellationen, mit der Organisation ihres Sexlebens und der Äußerung ihrer sexuellen Wünsche beschäftigen. In einem Interview hatte der medizinische Referent der Deutschen Aidshilfe (DAH) schwulen Analverkehr und schwule Saunen problematisiert. Sogar queere Medien interpretierten das als „DAH warnt vor Analsex und Saunen“. Hast du eine Erklärung für die um sich greifende Sexfeindlichkeit, die leider auch homophobe Ressentiments bedient? Ich denke, wir erleben im Moment, wie wir uns von anderen körperlich distanzieren müssen, und das betrifft Sexualität dann auch. Feindlichkeit ist dafür nicht unbedingt nötig, aber sie ist derzeit spür- und sichtbar. Ich halte die Empfehlungen der DAH – zumindest nach dem aktuellen Wissensstand – für nachvollziehbar, sofern man sich auf die medizinische Dimension dieser Maßnahmen konzentriert. Dennoch sind sie bizarr. Die DAH steht, wie viele schwule Angebote, für eine Haltung, die informierte, individuelle Risikoabschätzung, egal bei welchem Sexualverhalten, unterstützt. Dazu zählt auch die Entstigmatisierung promisker Lebensweisen oder die Bejahung von flüchtigen Sexualkontakten als legitime Lustbefriedigung. Insgesamt also für einen liberalen Umgang mit Sexualität. Ich glaube, die jetzige Situation stellt diese Ansätze auf die Probe. Daher auch die Irritation über die Empfehlung der DAH, sich sexuell im Moment eher zu mäßigen, anstatt auch Auskunft zu geben, wie man weiter sexuell aktiv sein kann. Aus medizinischer Sicht mag es naheliegend, aus epidemiologischer notwendig erscheinen, Menschen zu sexuellem Verzicht aufzufordern, wir wissen aber, dass die sexuellen Bedürfnisse diesen Anforderungen eben nicht immer entsprechen. Vielmehr gehen sie in den präventiven Schutzmaßnahmen nie vollständig auf, sondern treten mit ihnen in Konflikt. Sowie die Leute gerade FOTO: VVG

GESUNDHEIT 39 weiter Lust auf Sex und Dates haben und das auch tun. Spannend finde ich wirklich: Man muss sich jetzt ziemlich genau überlegen, mit wem man in seinem minimierten sozialen Umfeld welche sexuellen Kontakte eingeht. Also ist ein Quasisexverbot nicht realistisch? Ich denke, das geht gar nicht – und das hat die DAH mit den Beispielen Darkroom und Sauna hoffentlich auch nicht gemeint. Ein „Sexverbot“ wäre auch nicht sinnvoll, sondern vielmehr absurd. Es zeigt sich doch bereits jetzt, dass eher mehr als weniger Sex stattfindet, vor allem in den Partnerschaften. Die sexuellen Handlungen sind auch gar nicht unbedingt das Entscheidende oder Besondere. Während wir bei HIV wissen, dass die Übertragung durch direkten Kontakt der Schleimhäute, also beim Sex zum Beispiel, stattfinden kann, ist es bei Corona so, dass wir Zurückhaltung im Kontakt mit Menschen ganz allgemein üben sollen, um eine Infektion zu vermeiden. „Wer sexuelle Wünsche und Phantasien verbietet, handelt tyrannisch und hochgradig unsozial.“ Es bleibt für mich trotzdem die Frage, warum nicht Swingerklubs oder Bordelle dann im gleichen Atemzug genannt werden ... Sexualität und Körperlichkeit ist verunsichernd und verängstigend, nun kommt hinzu, dass der eigene Körper und der des Anderen massiv als potentieller Virusträger markiert und problematisiert wird. Wenn es einem derzeit nicht gelingt, über die eigene Verletzlichkeit und Angst nachzudenken, läuft man also Gefahr, die eigene Verzweiflung permanent in anderen zu sehen und sie darin zu bekämpfen. Die Situation verlangt in psychischer Hinsicht enorm viel von den Menschen ab. Für Schwule vielleicht ganz besonders. Ich habe den Eindruck, in diesen sehr harschen und böswilligen Kommentaren in sozialen Medien, die sich gegen alle richten, die weiterhin Sex haben, suchen oder wollen, melden sich doch auch die sexualhygienischen Zumutungen zu Wort, von denen wir alle seit Aids betroffen sind. Das schließt auch den Kreis zu den schwulenfeindlichen Ressentiments, vom dauergeilen und potenten schwulen Mann, der sich nicht zügeln kann und zugleich besondere Verantwortung zeigen soll. Auch dieser Figur bedient man sich. Der gestern noch gefeiert wurde von Menschen, die ihn heute Teern und Federn wollen ... Genau. Dieser als omnipotent phantasierte schwule Mann wird gleichzeitig verteufelt und bewundert. Corona ruft ernstzunehmende Erinnerungen an die Zeit von Aids wach, in denen jeder sexuelle Kontakt zu einem anderen Mann zu etwas fraglichem, gefährlichem wurde. Martin Dannecker weist darauf hin, dass Aids insbesondere das Verhältnis der Schwulen zu ihrer Sexualität verändert hat. Dazu zählen auch Schuldgefühle und moralische Maßstäbe gegenüber sexuellen Wünschen, kondomlosem Sex, Promiskuität, Sperma oder Blut. Die Aids-Ära und die Corona-Pandemie unterscheiden sich selbstverständlich voneinander und dennoch ist die Mobilisierung solcher Gefühle und Ängste im Moment erlebbar. In den n, Apps und sozialen Medienäußern nicht wenige, dass sie nun gar keinen Sex, keinen Sex mit Fremden oder keinen Sex mit mehreren Männern mehr haben würden und legen das implizit oder explizit anderen nahe. Geschieht das aggressiv und verurteilend, INFEKTIOLOGISCHE SCHWERPUNKTPRAXIS in Frankfurt-Sachsenhausen Dr. Gaby Knecht • Dr. Stephan Klauke • Dr. Peter Gute Dr. Thomas Lutz • Priv. Doz. Dr. Markus Bickel • Leo Locher Dr. Sarah Fischer • Dr. Ute Schönian • Dr. Dorothee Kuhn Dr. Dirk Alber • Dr. Philipp de Leuw • Dr. Daniela Meissner Fachärzte für: Innere Medizin • Allgemeinmedizin Mikrobiologie • Virologie • Laboratoriumsmedizin Spezialisiert auf: Infektionsmedizin • HIV-Medizin infektiöse Lebererkrankungen • Reisemedizin Stresemannallee 3 60596 Frankfurt am Main Telefon: 069 | 69 59 72 30 Telefax: 069 | 69 59 72 40 info@infektiologikum.de www.infektiologikum.de

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.