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GAB April/Mai 2020

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Das schwul/lesbische Magazin für die Region Rhein Main Neckar und Stuttgart

24 BÜHNE FOTOS: HAND IN

24 BÜHNE FOTOS: HAND IN HAND, EDITIONS MOUSTACHE Szene aus „Adam and Yves“ Robert Rikas in „Left handed“ DIE KUNST DES PORNO Der Film-Experte Marco Siedelmann hat zusammen mit Mitgliedern des Filmkollektiv Frankfurt das über fünfhundert Seiten starke, großformatige Buch „Good Hot Stuff“ über den amerikanischen Hardcore-Regisseur Jack Deveau herausgebracht. Der in den 1970er Jahren aktive Deveau hatte mit seiner Firma „Hand in Hand“ Schwulenpornos produziert, die Kultstatus erlangt haben. Wir haben mit Marco Siedelmann über das Phänomen Jack Deveau gesprochen. *bjö Wie bist du als Heterosexueller auf die Filme von Jack Deveau gestoßen und was hat dich an seiner Arbeit fasziniert? Vor ungefähr zehn Jahren habe ich mit meinem guten Freund Christoph Draxtra („Eskalierende Träume“) viel über das sogenannte „Golden Age of Porn“ diskutiert, und wir haben uns gefragt, ob es neben den vielen berühmten heterosexuellen Klassikern auch ein schwules Pendant geben mag, denn dieses Kapitel der (queeren) Filmgeschichte schien uns vollkommen verdunkelt und unerforscht. Christoph fand dann mit seinem unschlagbaren Gespür eine ganze Reihe von scheinbar vergessenen Filmemachern, die ein beachtliches Output geschaffen haben – an das man sich aber vor allem außerhalb der USA nicht so recht zu erinnern scheint. Dabei muss man natürlich berücksichtigen, dass die schwulen Hardcorefilme der Siebzigerjahre hier weitestgehend unsichtbar geblieben sind und es daher kein wirkliches historisches Verständnis ihnen gegenüber gibt. Den größten Eindruck haben die Filme von Jack Deveau auf mich gemacht, der mit seiner Produktionsfirma „Hand In Hand“ ganz außerordentliche kleine Filme produziert hat, die zumindest in ihrer Heimatstadt New York für zehn Jahre integraler Bestandteil der schwulen Subkultur waren. Im Zuge der Recherchen habe ich dann die noch lebenden Filmemacher ausfindig gemacht, unter anderem Robert Alvarez, den Cutter der „Hand In Hand“-Filme. Robert war bis zu Deveaus Tod dessen Lebensgefährte, und die Filme sind ihre gemeinsame Arbeit – dem Vermächtnis von Deveau habe ich mich also über die teilweise brüchigen Erinnerungen seiner verbliebenen Weggefährten und Freunde genähert. Wie kann man mehr als 500 Seiten über eine schwule Porno-Produktionsfirma füllen? Das war leicht! „Schuld“ daran hat die enorme Qualität der „Hand In Hand“- Filme, und ehrlich gesagt kratzt das Buch nur an der Oberfläche. Deveau ist jung gestorben, und somit fehlte von Anfang an die wichtigste Stimme in meiner Interviewkollektion – deshalb habe ich mich auf Spurensuche begeben und alle Brotkrumen aufgesammelt, die in der zeitgenössischen Presse zu finden waren. Es ist ein fragmentarisches Buch geworden, denn viele Teile des Puzzles sind unwiederbringlich verloren gegangen. Neben den historischen Interviews und denen, die ich selbst geführt habe, finden sich auch hunderte Bilder in „Good Hot Stuff“: Behind the Scenes-Material, Artworks und Plakate, Privataufnahmen und Magazinseiten. Diese Bruchstücke machen hoffentlich neugierig auf die Wiederentdeckung der Filme, die allesamt auf DVD und VOD vom Gayporn-Label Bijou erhältlich sind. So gut es geht, zeichnet das Buch die aufregende „Hand In Hand“-Geschichte nach, eine geordnete Lückenlosigkeit darf man allerdings nicht erwarten. Welchen Stellenwert hatten Pornofilme damals – verglichen mit den heute inflationären Internetclips? Damals wie heute waren Pornos natürlich allgegenwärtig. Wenn man nicht gerade in New York, Chicago, Los Angeles oder San Francisco gewohnt hat – denn dort waren schwule Pornofilme im Kino 24/7 besuchbar – funktionierte die frühe Pornoindustrie der Siebzigerjahre vor allem über Mail Order Kataloge. Das waren dann größtenteils Loops – kurze Filme ohne oder mit marginaler Storyline. Dorthin ist der Pornofilm im Internetzeitalter zurückgekehrt und die immer mal wieder aufgeflammte Liebesbeziehung zwischen unsimuliertem Sex und narrativem Spielfilm scheint beendet. Vereinzelt gibt es noch Produktionsfirmen wie die herausragenden „Cocky Boys“ aus New York, doch auch dort funktionieren die ambitionierten größeren Projekte nur, weil der Loop-Markt im Internet sie trägt. „Hand In Hand“ und andere Firmen haben den Heimkinomarkt so gut es ging bedient – mit Ausschnitten und einzelnen Episoden der Filme als Super 8 Versionen für daheim. Den Markt bestimmt haben aber größere Fische im Teich – vor allem

Chris Rage in „Drive“ „Falcon“ in San Francisco, die seit den frühen Siebzigerjahren auf Kinoauswertungen verzichtet haben und bis heute als Marktführer operieren und dominieren. Das Filmkollektiv plant, Jack Deveuas Filme in einer Retrospektive zu zeigen; bereits im Februar wurde eine Reihe mit Hardcore-Streifen gezeigt. Funktionieren Pornofilme eigentlich außerhalb eines privaten Rahmens oder Pornokino-Kontexts? Oder beschränkt sich das Interesse des Publikums dann eher auf cineastische Aspekte? Wie die Filme für den einzelnen Zuschauer funktionieren, das kann natürlich höchst unterschiedlich ausfallen. Die Filme aus dem „Golden Age“ funktionieren auf vielen Ebenen, unter anderem eben auch als erzählerische Filme von großer Diversität. So sind auch die „Hand In Hand“-Filme manchmal fantasmagorische Traumfilme, andere eher düstere, urbane Charakterdramen, melancholische Liebesgeschichten oder flirrende Outdoorfilme. Sie funktionieren als Zeitzeugnisse, präsentieren uns Schauplätze wie Badehäuser, den Strand von Fire Island, die sagenumwobenen New Yorker Piers und die Straßen von Manhattan – alles Orte die längst ihr Gesicht gewechselt haben. Jack Deveau hat seinen Filme Kontext und Tiefe gegeben, aber er hat auch gesagt: „Je mehr Cruising und Masturbation unter den Zuschauern, umso besser der Film“. „Good Hot Stuff – The Life and Times of Gay Film Pioneer Jack Deveau“ von Marco Siedelmann ist bei Editions Moustache erschienen, mehr Infos unter www.filmkollektivfrankfurt.de

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.