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CHECK West #1

COMMUNITY BITTE NUR OHNE

COMMUNITY BITTE NUR OHNE Keine Fetten, keine Asiaten, keine Tunten. Innergemeinschaftliche Diskriminierung kennt man ja. Aber müssen wir jetzt Kautschuk ausgrenzen? Condom-Shaming ist der letzte Schrei. Und manche argumentieren, es sei symptomatisch für einen Krieg, der die schwule Sexdate-Kultur seit Jahren spaltet. Foto: Josie Stephens_pexels.com Foto:Anna Shvets_pexels.com 14 CHECK WEST #1

COMMUNITY Wer die PrEP (Präexpositionsprophylaxe) nimmt, braucht sich um HIV nicht mehr viele Sorgen zu machen. Um andere STI, also Geschlechtskrankheiten, aber schon. Aus Fachkreisen wird berichtet, dass sich STI immer weiterverbreitet: Vom asiatischen Super-Tripper in England, der so oft mutiert ist, dass kein Medikament mehr hilft – bis hin zum Befund des Berliner Hausarztes, der besagt, dass die Syphilis leider schon im dritten Stadium und somit echt schwer zu behandeln ist. Dass mehr STI diagnostiziert werden, liegt einerseits daran, dass mehr Leute zum Testen gehen. Die PrEP bekommt man nicht ohne vorherigen HIV-Test, bei dem auch oft nach anderen Infektionen geschaut wird. Man hat also mehr Ergebnisse. Andererseits liegt es klar daran, dass die PrEP eben nicht vor Tripper und Co. schützt. Man bekommt also kein HIV, dafür aber alles andere. BAREBACK-SEX IST VERHANDLUNGSSACHE Hand aufs Herz, wer kennt das: In der Hitze des Gefechts und nach vielleicht einem Bier zu viel ist man schnell entkleidet und zu allem bereit. Man will einfach nur noch mehr. Näher. Rein. Und wenn grade kein Kondom zur Hand ist, beginnt für gewöhnlich das Verhandeln: Ich bin aber gesund, nehme die PrEP, bin unter der Nachweisgrenze, whatever. Und manchmal kippt die Stimmung dann von „aufgeheizt“ ins leicht Bedrohliche. Zwar ist ein Spruch wie „Jetzt hab’ dich nicht so“ noch keine Nötigung oder emotionale Erpressung, aber normalisiert man somit nicht das Nicht-Akzeptieren von Grenzen? Wenn ich der Meinung bin, es sei ok Sex ohne Kondom zu haben, hat der andere das schließlich auch so zu sehen. Ein kanadischer Blogger drückt es so aus: Wir befinden uns in einem Kulturkrieg, der größtenteils von PrEP angeheizt wird. Bareback-Sex ändert sich vom Verhandlungsgut zur Erwartungshaltung und Nachfrage. Die Praktiken, die den sozialen Kontext von Bareback-Sex in Richtung einer Erwartung oder gar Forderung bewegen, begünstigen direkt eine Vergewaltigungskultur. Denn sie beinträchtigen die Akzeptanz einer Person, die ihre eigenen Zustimmungsbedingungen festlegt, in diesem Fall den Gebrauch von Kondomen. CONDOM-SHAMING ALS SYMPTOM EINER VERGEWALTIGUNGSKULTUR Dazu muss man wissen, dass der junge Mann im Kontext dieser Aussage angibt, grau-vergewaltigt worden zu sein. Vor dem Akt wurde der Gebrauch eines Kondoms vereinbart. Der Sexpartner hielt sich aber nicht an die Absprache, was der junge Mann erst etwas später merkte. Eine solche Hinterlist nennt man im Englischen „Stealthing“ und wird in vielen Ländern als Sexualdelikt und schwere Körperverletzung eingestuft. Man kann nun argumentieren, dass das Risiko von unsafe Sex bei Einnahme der PrEP heute hauptsächlich ein eher bakterielles Problem ist. Aber man kann nicht einfach behaupten, dass diejenigen, die Bareback-Sex zunächst ablehnen, allesamt schlecht informiert sind und gegen HIV-positive wettern wollen. Wie beim Bodyshaming macht auch beim Condom-Shaming der Ton die Musik. Klar muss man nicht mit Männern schlafen, die man nicht attraktiv findet. Man muss auch kein Kondom benutzen, wenn man das nicht will. Aber demjenigen zu vermitteln, er sei durch sein Aussehen oder seine Einstellung zu Safer Sex weniger wert oder privilegiert, ist nicht ok. Und wer die PrEP oder U=U* als Argument einsetzt, um den Zustimmungskontext seines Partners durch seinen eigenen zu ersetzen, der verschiebt damit nicht nur den Kontext von wissenschaftlicher Autorität. Er entlarvt Condom-Shaming als eine einseitige Verhandlungstaktik, die dazu dient, sich etwas zu nehmen, was der andere nicht bereit ist zu geben. Und genau das meint der junge Blogger, wenn er von Vergewaltigungskultur spricht. Vielleicht lässt es sich so einfacher ausdrücken: Wenn in deinem Profil schon „Keine Fetten“ und „Keine Kondome“ steht, dann kannst du auch „bitte“ dazu schreiben. (ts) *undetectable = untransmissable (dt.: Unter der Nachweisgrenze = nicht ansteckend) CHECK WEST #1 15

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.