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CHECK NRW #2

COMMUNITY GEHÖRT WERDEN

COMMUNITY GEHÖRT WERDEN „Probleme und Nöte werden ja nicht besser, wenn wir nicht darüber sprechen.“ Interview: Torsten Schwick In Kölns ältester Apotheke kümmert sich das Team rund um Inhaber Dirk Vongehr nicht nur um den Verkauf von Medikamenten, sondern auch um die besonderen Belange der Community. Egal ob zu den Themen HIV und sexuelle Gesundheit oder Drogenkonsum, hier findet man ein offenes Ohr. CHECK führte ein Gespräch mit Dirk Vongehr. Hallo, Herr Vongehr. Man hört, dass Sie durch die Nähe zur Community auch ein besonderes Vertrauensverhältnis zu den Kunden aufbauen können? Das ist wahr, es liegt sicher an der jahrzehntelangen ehrenamtlichen Arbeit und Einsatz für die Community, die aber auch meine Einstellung zur Arbeit maßgeblich geprägt hat. Als ich 2009 die Apotheke übernommen habe, stellte ich das Ganze unter das Motto: „Hier arbeiten Freunde“. Dieses Credo bestimmt die tägliche Arbeit und sorgt dafür, dass sich alle wie zuhause fühlen und jeder beraten wird, als ob er oder sie mein bester Freund oder meine beste Freundin wäre. Das bedeutet, man kann mit Ihnen auch über Tabu-Themen, wie etwa Drogenkonsum und STI, sprechen? Natürlich! Das sind Themen, die gerade in den Metropolen zum Alltag dazugehören. Wichtig ist es, aufzuklären, nicht zu stigmatisieren und das Wissen bei allen Mitarbeiter*innen ständig aufzufrischen und aktuell zu halten. Nicht alle wissen immer sofort, warum der Inhaber der Herrenerlebnis-Gastronomie um die Ecke regelmäßig 2 mal 10 l Ultraschallkontaktgel bestellt, oder dass es am Wochenende durchaus dazu kommen kann, dass Dauermedikamente vielleicht nicht so treu eingenommen werden, wie es sein sollte. Welche Wechselwirkungen sind also zu erwarten, was kann man der Dauermedikation zuschreiben und was dem Konsum anderer Substanzen? Mit solchen Fragen kennen wir uns aus. Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, offen über solche Dinge zu sprechen? Probleme und Nöte werden ja nicht besser, wenn wir nicht darüber sprechen. Chlamydien, Syphilis oder eine andere Infektion wird sich ja nicht auflösen, nur weil wir nicht darüber sprechen oder nachdenken. Wir müssen das Umfeld schaffen, dass wir Vertraute und Verbündete unserer Patient*innen werden und uns gemeinsam gegen all die Viren und Bakterien aufstellen, die uns krank machen können. Und das ohne Stigmatisierung oder moralische Verurteilung. Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Mehr Respekt ist immer gut und was ich mir wirklich wünsche, ist die Stärkung des Zusammenhaltes. Wir müssen an die denken, die in Zeiten von geschlossenen Bars kaum Kontakt zu ihrer queeren Wahlfamilie mehr hatten. Wir müssen für die Zeiten nach Corona – obwohl ich lieber sagen würde mit Corona – mehr aufeinander Acht geben, um der Vereinsamung und zunehmender Ausgrenzung entgegenzuwirken, die durch Faktoren wie Lebensalter und Einkommen beschleunigt werden. Paradies-Apotheke Severinstraße 162a, 50678 Köln www.paradies-apo.de 8 CHECK NRW #2

COMMUNITY BEING HEARD “Problems and needs don’t disappear by not talking about them.” ENGLISH In Cologne’s oldest pharmacy, the team headed by the owner Dirk Vongehr not only takes care of the sale of medicines, but also takes care of the special needs of the community. Whether on the topics of HIV and sexual health or drug consumption, this is a place where you’ll find you’re being heard. CHECK talked to Dirk Vongehr. bar around the corner regularly orders 2 x 10l ultrasonic contact gel, or that on weekends it can happen that long-term medication may not be taken as faithfully as it should be. Which interactions are to be expected, what can be ascribed to long-term medication and what to the consumption of other substances? We are familiar with such questions. Hello, Mr. Vongehr. We hear that by being so close to the community, you’ve built up a special relationship of trust with your customers? That is true, this relationship is certainly due to our decades of voluntary work and commitment to the community, which has also significantly shaped my attitude to work. When I took over the pharmacy in 2009, I applied the motto: “Friends work here”. This credo determines the daily work and ensures that everyone feels at home and everyone is advised as if they were my best friend. That means that one can also talk to you about taboo topics such as drug use and STIs? Of course, these are topics that are part of everyday life in big cities. It is important to educate, not to stigmatize. As such, we constantly refresh and update the knowledge of all employees. Not everyone always immediately knows why the owner of the men’s Why do you think it is so important to speak openly about such things? Problems and needs don’t disappear by not talking about them. Chlamydia, syphilis, or any other infection won’t go away just because we don’t think about it. We have to create a trusting environment so that we can become confidants and allies of our patients and stand together against all the viruses and bacteria that can make us sick – without stigma or moral condemnation. What are your hopes for the future? More respect is always good and what I really want is a more and a deeper level of cohesion. We have to think of those who, in times of closed bars, had little contact with their chosen queer family. For the times after Corona – although I would prefer to say with Corona – we have to pay more attention to each other in order to counteract the loneliness and increasing exclusion, which are accelerated by factors such as age and income. (ts,mb) CHECK NRW #2 9

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.