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CHECK NRW #1

GESELLSCHAFT

GESELLSCHAFT MENSCHENRECHTSBILDUNG FÜR JUGENDLICHE Interview: Torsten Schwick „Wir wollen über die Erfahrungen reden, die queere Personen in unserer Gesellschaft machen.“ Im Zentrum von SCHLAU stehen Begegnungen und Gespräche zwischen Jugendlichen und lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, inter*, asexuellen, nicht-romantischen und queeren Teamer*innen. Das Netzwerk bietet Bildungsund Antidiskriminierungs-Workshops zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt für Schulen, Sportvereine, Jugendzentren und andere Jugendeinrichtungen an. Wir sprachen mit Kira Splitt, der Landeskoordinatorin von SCHLAU NRW. Hallo Kira, erzähle uns doch bitte, wie genau SCHLAU funktioniert und warum die Arbeit für junge Menschen so wichtig ist. Wir sprechen immer mit der gesamten Schulklasse oder Jugendgruppe, weil wir ganz explizit sagen, dass wir nicht ausschließlich die Jugendlichen erreichen wollen, die selbst queer sind. Unsere Idee ist es, mit allen in den Austausch zu kommen. Es ist grundsätzlich total wichtig, weil häufig die Themen trans*, schwul, lesbisch oder bisexuell sein überhaupt nicht von den Lehrkräften angesprochen werden, obwohl das über die Lehrpläne in NRW so vorgesehen ist. Die Themen sollen also gleichwertig mit Heterosexualität und Cis-Geschlechtlichkeit thematisiert werden. Ganz oft gibt es aber eine große Überforderung der Lehrkräfte. Es entstehen auch Fragen von Jugendlichen, bei denen die Lehrkräfte sehr unsicher sind, wie sie antworten sollen. Im Bereich Schule kommt noch wahnsinnig viel Diskriminierung gegenüber queeren Personen vor. Die Mehrzahl der queeren Jugendlichen trauen sich nicht, sich zu outen, aus Sorge, dass die Schule kein sicherer Raum ist. Was genau machst du dort? Ich kümmere mich seit August 2019 um die Landeskoordination von SCHLAU NRW. Zu meinen Hauptaufgaben gehören die Öffentlichkeitsarbeit, die Qualitätssicherung der Projektarbeit und auch die Unterstützung der lokalen Teams, besonders wenn es um das Thema strukturelle Förderung oder Projektförderung geht. Die einzelnen SCHLAU-Projekte in den Städten sind darauf angewiesen, ihre Finanzierung über die Kommunen zu bekommen. Das ist zum Teil nicht ganz einfach. Manchmal fehlt noch das Bewusstsein, wie wichtig die Arbeit ist und wie gut sie bei den Jugendlichen ankommt. Seit wann gibt es das Netzwerk? Letztes Jahr haben wir unser zwanzigjähriges Jubiläum gefeiert. SCHLAU ist aus unterschiedlichen Projekten, die vorwiegend schwul-lesbische Aufklärungsarbeit in Schulen gemacht haben, entstanden. Wir brauchten eine übergeordnete Landesebene und von dort aus ging es eigentlich los, dass wir begannen, Diskurse zu führen: Über gemeinsame Qualitätsstandards und über eine 8 CHECK NRW #1

GESELLSCHAFT Foto: Michael Wallmüller gemeinsame Methodik, wie wir die Themen, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, mit Jugendlichen besprechen möchten. Welche Fragen haben die Jugendlichen? Die Fragen selbst sind sehr unterschiedlich. Unsere Methode ist es, zunächst über Diskriminierung, Vorurteile und Klischees zu sprechen. Danach können die Jugendlichen den SCHLAU-Teamer*innen Fragen stellen. Diese reichen dann eben von „Wie haben deine Eltern reagiert“ bis hin zu „Was war deine schönste Coming-Out-Erfahrung“ oder „Wer hat am besten reagiert“. Es kommt auch vor, dass gefragt wird, ob man an Gott glaube und ob man das mit sich selbst vereinbaren könne. Es ist also sehr vielfältig. Die direkte Begegnung mit queeren Menschen funktioniert sehr gut, diese nicht nur in Serien oder über Social Media zu sehen und so gegebenenfalls eigene Vorurteile zu erkennen und sie zu hinterfragen. Nicht über queere Personen, sondern mit queeren Personen zu sprechen, stellt sich als sehr hilfreich heraus. Seht ihr euch auch Kritik ausgesetzt? Es gibt immer wieder Vorbehalte von unterschiedlichen Seiten, von Schulen, Eltern oder auch Lehrkräften. Aber wir sind immer bereit, in Gespräche zu gehen und uns zu erklären: Wir sind in der Menschenrechtsbildung verortet und fördern demokratisches Bewusstsein und ein gutes Miteinander für alle Menschen. Wenn in den Workshops nach Sexualpraktiken gefragt wird, verweisen wir gerne auf unsere Kolleg*innen, etwa bei ProFamilia, die im Bereich der Sexualpädagogik tätig sind. Wir aber wollen über die Erfahrungen reden, die queere Personen in unserer Gesellschaft machen. Wie wünschst du dir für SCHLAU unsere Gesellschaft in der Zukunft? Irgendwann soll SCHLAU natürlich gar nicht mehr nötig sein. Wir wollen uns im Prinzip selbst abschaffen, weil Vielfalt irgendwann Normalität ist. Wenn Diskriminierung kein Thema mehr ist, ist Vielfalt ganz natürlich Thema, wo es wichtig ist und sich Menschen dafür entscheiden. Dann wird es keine SCHLAU-Workshops mehr dafür brauchen. Für die nahe Zukunft würde ich mir aber erst einmal wünschen, dass unsere neunzehn Lokalteams in NRW über die Kommunen gut gefördert werden. Dass es eine Stabilisierung in unserer Arbeit gibt, und dass erkannt wird, was für ein toller Mehrwert es ist, ein SCHLAU-Team bei sich zu haben. Landesnetzwerk SCHLAU NRW c/o Queeres Netzwerk NRW Lindenstr. 20 | 50674 Köln Fon 0221-2572849, info@schlau.nrw www.schlau.nrw CHECK NRW #1 9

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.