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CHECK Berlin/Brandenburg #6

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Community QUEERE SENIOREN „Der Jugendwahn ist vorbei!“ Was macht das Alter mit dem Mann? Und welche Herausforderungen stellt es gerade an schwule oder trans* Männer? Antworten haben Sebastian Menzel und Peter Priller (Bild), Mitarbeiter der Münchner Beratungsstelle rosaAlter, die sich seit 12 Jahren um die Belange queerer Senior*innen kümmert. Ab wann wird aus einem Mann ein Senior? Das ist kein definierter, sondern ein gefühlter Zustand, denn er hängt auch von den individuellen Lebensumständen ab. Der Lehrer einer Schulklasse beispielsweise wird sich schon mit 40 alt vorkommen, im Seniorenheim fühlt man sich noch mit 65 jung. Wir glauben, dass das Gefühl des Älterwerdens zwischen 50 und 65 Jahren einsetzt, wenn man spürt: Am Arbeitsplatz gehört man zu den Älteren, ebenso wie in Vereinen oder der Nachbarschaft. Zeitdiagnostische Ausführungen zum subjektiven Alterserleben können etwa in Silke van Dyks Studienbuch „Soziologie des Alters“ nachgelesen werden. Hat man als älterer Mensch einen Platz in der Gesellschaft? Auf jeden Fall. Die Lebenserwartung ist gestiegen und auch durch den demographischen Wandel sind Ältere fast schon in der Mehrheit. Daher ist das Empfinden der Gesellschaft ein anderes als noch in den 1970ern, als es wenig Rentner gab. 60 ist das neue 40! Mit welchen Themen kommen gerade schwule Senioren zu euch in die Beratung? Es geht zum einen um soziale Themen wie Rente, finanzielle Veränderungen, Vorsorge, Patientenverfügungen und mehr – für uns also richtig soziale Arbeit. Zum anderen machen wir psychosoziale Beratungen, zum Beispiel wenn es um Einsamkeit, Trauerbegleitung oder die Probleme eines späten Coming-outs geht. Welche Herausforderung stellt das Alter an Trans* Männer? Wer die Transition schon lange hinter sich hat und bereits Jahrzehnte ungeoutet als Mann lebt, ist gefestigt und kommt eher wegen finanziellen oder gesundheitlichen Themen. Wer jedoch spät transitioniert, für den ist das Alter eine zweifache Herausforderung. Zum einen medizinisch: Während Mastektomie oder Hormonbehandlung im Allgemeinen noch gut funktionieren, ist ein Penoid-Aufbau aus alter Haut oft nicht mehr machbar. Zum anderen sozial: Freund*innen, Arbeitskolleg*innen und Familie müssen das neue Leben akzeptieren. Wenn das schiefgeht, hat man immerhin in der queeren Community gute Chancen, ein neues soziales Netz zu finden. Wobei wir uns nichts vormachen: Auch in dieser Szene kann ein Trans* Mann auf Schwierigkeiten stoßen. Gerade die schwule Community gilt als Himmel für junge Männer – macht sie das zur Hölle für Ältere? Jugend ist ein Klischee der 80er-Jahre. Den vielzitierten „Jugendwahn" hat es schon immer gegeben, und zwar in der ganzen Gesellschaft. Aber der ist vorbei. Für dieses Denken sind keine Mehrheiten mehr da. Heute ist man als älterer Mensch in der Community gut aufgehoben und angekommen. Der demographische Wandel verändert die Gesellschaft – und die Community. 36 CHECK BERLIN/BRANDENBURG #6

Interview & Foto: Bernd Müller Community „Auch wenn wir glauben, dass Altersdiskriminierung abnimmt: Die Akzeptanz für ältere Menschen muss weiterwachsen.“ Was hat Corona mit Senioren gemacht? Die Einsamkeit ist generell größer geworden. Selbst wer sehr aktiv war, erlebte Corona als großen Einschnitt. Während des Lockdowns war die Schließung der Szene-Angebote ein großes Problem. Den Leuten fiel die Decke auf den Kopf. Das war auch die Zeit, in der unsere Beratungsleistung stark nachgefragt war. Das ist in den letzten Monaten wieder weniger geworden. Doch etwas Positives hatte die Krise auch: Viele haben sich auf die virtuellen Herausforderungen eingelassen und neue Kontaktmöglichkeiten erforscht. So wurde zum Beispiel unser digitaler Trans*Inter*Stammtisch 50+ in Corona-Zeiten ein Erfolgsrezept! Was wünscht ihr euch für eure Klienten? Auch wenn wir glauben, dass Altersdiskriminierung abnimmt: Die Akzeptanz für ältere Menschen muss weiterwachsen. Zum Beispiel darf niemand Angst haben, in einem Altenoder Pflegeheim zu leben und dort wegen seiner Sexualität ausgegrenzt oder diskriminiert zu werden. Aber wir würden uns auch mehr Initiative von den Älteren selbst wünschen. Das Konzept einer schwulen Alters-WG beispielsweise wird ja von Vielen gefordert, aber von kaum einem umgesetzt, geschweige denn finanziert. Dabei gibt es jede Menge gut situierter Schwuler, die hier einiges möglich machen könnten. Unser Appell: Zieht euch nicht zurück – schon gar nicht auf das eigene Ego! www.rosa-alter.de CHECK BERLIN/BRANDENBURG #6 37

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.