Aufrufe
vor 1 Jahr

CHECK Bayern #1

  • Text
  • Anal
  • Impfung
  • Corona
  • Risiko
  • Gesundheit
  • Menschen
  • Chemsex
  • Vaccination
  • Englisch
  • Bayern
Die erste Ausgabe des Männer*Gesundheitsmagazins für Bayern

PSYCHOLOGIE TOXISCHE

PSYCHOLOGIE TOXISCHE MÄNNLICHKEIT „Typisch männlich“ kann ziemlich unsozial sein Interview: Bernd Müller Wie und wo erleben wir „toxische Männlichkeit“? In praktisch allen gesellschaftlichen Bereichen. Es hat insbesondere mit Wettbewerb und Dominanz gerade unter den Männern zu tun. Sie sind oft darauf gepolt, keine Gefühle oder Schmerz zu zeigen und ein gegenseitiges Konkurrenzverhalten an den Tag zu legen. Nicht zuletzt wird deren Gesundheitsverhalten dadurch beeinflusst. Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen, wenn emotionale Nähe zwischen Männern nicht zugelassen werden kann oder sich sozial toleriertes Verhalten wie Aggression äußern darf, erleben wir Formen einer toxischen Männlichkeit. Eher unbemerkt, weil als Norm definiert, erleben wir diese zudem in gesellschaftlichen Hierarchien. Wie wirkt sich toxische Männlichkeit aus? Dadurch fügt sich der Mann zunächst gesundheitlichen Schaden zu: Männer haben generell ein höheres Risikoverhalten, halten weniger von Psychohygiene, was zu einer höheren Suizidrate führt. Sie kümmern sich aber auch weniger um ihren Körper und nehmen Vorsorgeangebote weniger wahr als Frauen. Nicht zuletzt dadurch haben sie eine geringere Lebenserwartung, die sich im Schnitt fünf Jahre unter der von Frauen bewegt. Ein weiterer Aspekt: Männlichkeit braucht eine Geschlechterordnung, die sich immer noch vor allem auf das Geschlechtersystem „Mann/ Frau“ stützt. Alles, was nicht ins klassische Männlichkeitsbild passt, wird untergeordnet. Ein Mann wird also, zugespitzt gesagt, nur als Mann betrachtet, wenn er sich in das bestehende Rollenverständnis einordnen lässt. Die Folgen sind Ab- und Entwertung von anderen, die nicht in dieses Bild passen. Hier sprechen wir auch von der sogenannten hegemonialen Männlichkeit. MÄNNER SIND OFT DARAUF GEPOLT, KEINE GEFÜHLE ODER SCHMERZ ZU ZEIGEN UND EIN GE- GENSEITIGES KONKURRENZVER- HALTEN AN DEN TAG ZU LEGEN. Betrifft dieses Verhalten auch schwule oder trans* Männer, die sich ja häufig nicht als Teil des heterosexuell hierarchischen Systems definieren? Wir sind alle geprägt durch Sozialisationsprozesse, die uns gelehrt haben, wie ein Mann sein soll. Auch schwule oder trans* Männer sind nicht vor diesem Denken und somit vor toxischer Männlichkeit geschützt, nur weil sie queer sind. Wollen sie ihre Prägungen überwinden, müssen auch sie hart an sich arbeiten und sich fragen: Was bedeutet Männlichkeit für mich, für die Gesellschaft, wie und wo wirkt sie schädlich? Inwiefern schadet dieses Verhalten anderen? Unsere Gesellschaft erhebt die männliche Sexualität zur Norm. Diese Vorstellung erschwert es Partner*innen, „Nein“ zu sagen. Männern 10 CHECK BAYERN #1

PSYCHOLOGIE Dass ein typisch männliches Verhalten für die Umgebung oft schwer erträglich und für den Mann selbst nicht gesund ist, ist lange bekannt. Jetzt hat das Phänomen unter dem Schlagwort „Toxische Männlichkeit“ neue Aufmerksamkeit erlangt. Sozialpädagoge Robert Weinelt aus dem Beraterteam der Münchner Aids-Hilfe klärt auf und gibt Tipps, wie sich das Verhalten vermeiden lässt. Grafik: M-SUR/stock.adobe.com muss vermittelt werden, Einwilligung aktiv einzuholen und sich für Bedürfnisse des anderen zu sensibilisieren. Das hätte eine intensive Auseinandersetzung mit Dominanzverhalten und Privilegien zur Folge. Insgesamt wirkt sich gerade die männlich dominierte und definierte Geschlechterhierarchie negativ auf die Lebenssituation aller nicht männlich gelesenen Personen aus. An dieser Stelle verweise ich gern auf die sogenannte „Rape-Culture“, in der Übergriffe auch dadurch möglich werden, weil das Umfeld dazu schweigt, sie bagatellisiert oder gar akzeptiert. Wie kann man das vermeiden? Vor allem sollte der Mann den Blick auf sich selbst richten und das eigene Rollen- und Geschlechterbild reflektieren. Man könnte zudem Männerfreundschaften neu definieren und in ihnen Gefühle stärker zulassen. Auch die Vater-Sohn-Beziehung ist oft von Klischees geprägt: Väter können Schwierigkeiten haben, ihren Söhnen körperlich Zuwendung zu zeigen, sie etwa zu küssen. Dabei kann es hilfreich sein, Freiräume zu etablieren, in denen Männer solche Gefühle zulassen können, ein Beispiel wären hier entsprechende Männergruppen, die aus der zweiten Welle der Frauenbewegung entstanden sind und vor allem in den 1980er Jahren weit verbreitet waren. Wenn es um Sexualität geht, ist gerade auch das Thema der Pornographie nicht zu unterschätzen: Hier wird männliches Dominanzverhalten vorgelebt, es findet meist kaum bis keine verbale Kommunikation (auch nicht einholen von Einverständnis) statt. Ansätze wie Feministporn oder Queerporn existieren bereits und versuchen Alternativen anzubieten. Warum lebt es sich besser, wenn man toxische Männlichkeit vermeidet? Wir Männer setzen uns selbst häufig unter Druck. Zum Beispiel meinen wir, sexuell allzeit bereit und leistungsfähig sein zu müssen. Im Endeffekt kann das Vermeiden toxischer Verhaltensweisen dazu führen, ein gesünderes, stressfreieres und sozialeres Leben zu führen, das auch die anderen Geschlechter und Identitäten stärker in den Blick nimmt und dafür sorgt, eine gerechtere, verständnisvollere und im Endeffekt friedlichere Gesellschaft zu entwickeln. Foto: Bernd Müller Robert Weinelt Sozialpädagoge und Berater bei der Münchner Aids- Hilfe www.muenchneraidshilfe.de CHECK BAYERN #1 11

Unsere Magazine

Regionalseiten
männer* – das queere Onlinemagazin

Unsere News

About us

blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.