Aufrufe
vor 2 Monaten

CHECK #3 Bayern

Gesellschaft ICH WILL

Gesellschaft ICH WILL ENTSCHEIDEN Selbstbestimmung und Sterbehilfe Bernd ist Anfang sechzig. Seine Tage verbringt er damit, „über den Tag zu kommen“. Eigentlich will er sterben. Seit zwei Jahren leidet er an Knochenkrebs. Das Morphium wirkt zwar teilweise, den Schmerz in den Knochen kann es jedoch nicht beseitigen. Hinzu kommen die Nebenwirkungen: Schlaflosigkeit, Verstopfung, permanente Verwirrung, um nur einige zu nennen. Was davon am Schlimmsten ist, kann er gar nicht mehr sagen. Foto: usrule / stock.adobe.com Bernd weiß, dass er noch Glück hat. Finanziell ist er gut abgesichert und sein Partner hat ihn nicht verlassen. Da gibt es zahlreiche andere Schicksale. Ohne Angehörige kann es durchaus geschehen, dass man nach und nach im Krankenhaus- oder Pflegesystem verschwindet und solange am Leben gehalten wird wie eben möglich. Auch wenn man das selbst gar nicht will. Besonders schwierig wird es dann, wenn man Entscheidungen nicht mehr selbst treffen kann, etwa im Fall eines (Wach-) Komas, bei Altersdemenz oder einer schwereren geistigen Behinderung. Der Tod verbindet die Menschen. Weil er eine Erfahrung ist, die in allen Kulturen zu jeder Zeit gemacht wird. Aber anders als etwa bei der Geburt, bei der sich alle einig sind, dass man diese möglichst gut und dem Wohl von Mutter und Kind entsprechend gestalten sollte, scheiden sich hier die Geister. Könnte man sich heute noch vorstellen, dass eine Mutter strikt ohne Fremdeinwirkung ein Kind auf die Welt bringen soll? Aus ethischen Gründen? Nein. Warum also ist der Gedanke daran, dass uns eine Fachkraft beim Sterben zur Hand geht, so kontrovers? 50 CHECK BAYERN #3

Gesellschaft RECHT UND MORAL Der Hippokratische Eid gilt als erste grundlegende Formulierung einer ärztlichen Ethik. Benannt ist er nach dem griechischen Arzt Hippokrates von Kos (um 460 bis 370 v. Chr.) und viele Mediziner berufen sich noch heute in ihrer Entscheidungsfindung auf dieses moralische Erbe. In der deutschen Übersetzung des Eides findet sich auch folgender Satz: „Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten.“ Direkt gefolgt von diesem Satz: „Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben.“ Unser kulturelles Verständnis von Medizin stellt die Lebenserhaltung über alles. Die Selbstbestimmung kommt jedoch oft zu kurz. Es steht außer Frage, dass die Entscheidung, eine Abtreibung vorzunehmen, letztlich bei der Person liegt, die auch für die Geburt zuständig ist. In dem Fall also die Mutter. Und beim Sterben sollte das Recht zur Entscheidung bei den Sterbenden liegen. Aus jenem und anderen Gründen wurde daher im Februar 2020 das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Die Begründung: Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst auch ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Ein neues Regelwerk, wie dieses Recht umzusetzen ist, wurde noch nicht implementiert. Name Behandlung Derzeitige Rechtslage Palliativmedizin Sieht nicht die Heilung einer Krankheit vor, sondern die Linderung der Leiden. Sie wird meist am Lebensende in Hospizen eingesetzt, mit dem Ziel, Schmerzen und Symptome wie Atemnot, Angst oder Übelkeit zu bekämpfen. Psychologische, soziale und spirituelle Betreuung gehören auch dazu. Indirekte Sterbehilfe Passive Sterbehilfe Beihilfe zum Suizid Darunter versteht man eine Palliativ-Behandlung, die als Nebenwirkung das Leben der Patient*innen verkürzen könnte. Diese Form der Sterbehilfe muss medizinisch indiziert, also als notwendig anerkannt werden. Die Behandlung zur Bekämpfung einer Krankheit wird abgebrochen oder gar nicht erst begonnen. Ein tödliches Mittel wird Patient*innen überlassen oder bereitgestellt, welches dann von den Patient*innen selbst eingenommen wird. Erlaubt und geboten, solange es dem ausdrücklichen Willen der Patient* innen entspricht. Erlaubt und geboten, solange es dem ausdrücklichen Willen der Patient*innen entspricht. Berufsrechtlich verboten, aber nicht strafbar. Aktive Sterbehilfe/Tötung auf Verlangen Den Patient*innen werden auf ausdrücklichen Wunsch hin von außen „aktiv” tödlich wirkende Mittel verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist nicht medizinisch indiziert, also als notwendig anerkannt. Berufsrechtlich verboten und strafbar. CHECK BAYERN #3 51

Magazine

Regionalseiten
männer* – das queere Nachrichtenportal

Unsere News

About us

blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.