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blu Mai / Juni 2021

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GESELLSCHAFT der

GESELLSCHAFT der katholischen Kirche die Öffentlichkeit. Die Enthüllungsdokumentation „Aber sag es nur keinem“ zeigte 2019, wie Kirchenoberste missbrauchende Priester schützten und sie beispielsweise in andere Gemeinden versetzten, anstatt sie anzuzeigen. Seitdem kämpft die katholische Kirche mit Ablenkungsmanövern gegen den Imageschaden. Weil mehr Jungen als Mädchen vergewaltigt wurden, müsse es einen Zusammenhang zwischen Pädophilie und Homosexualität geben, so die haltlose Behauptung der Kirche. „Sie musste irgendetwas angreifen, und wir als Minderheit in Polen sind leicht zu fassen“, sagt Karol. Besonders für Teenager sieht Karol die Rhetorik der Kirche als große Gefahr. „Jugendliche, die gerade erst verstehen, wer sie sind, die glauben, vielleicht bin ich schwul ... Wenn sie Worte wie ,Regenbogenpest‘ hören, was halten die dann von sich selbst? Ich mag mir das gar nicht vorstellen.“ 100 „LGBTIQ*- FREIE“ ZONEN Besonders schwierig ist die Situation für queere Jugendliche im ländlichen Polen, sind sich Karol und Han einig. Dort gibt es keine Klubs, keine Treffs, keine Gemeinschaft wie in Krakau. „Wenn du auf dem Land als LGBTIQ*-Person keine Unterstützung deiner Familie hast, bist du ziemlich allein“, sagt Han. Und auch der Druck der Politik auf die LGBTIQ*- Gemeinschaft ist stärker. Seit 2019 riefen sich mehr als 100 Kommunen als frei von „LGBTIQ*-Ideologie“ aus. „Du kannst doch nicht einfach ein Gebiet für LGBTIQ*-frei erklären und dann gibt es dort keine queeren Menschen mehr“, sagt Han. „Die Politiker erreichen nur eines: Sie verletzen diese Personen.“ Rechtlich gesehen haben die Deklarationen keine Wirkung – bislang. Aber DOM-EQ-Leiter Mateusz Gędźba blickt mit Bangen nach Russland, wo zunächst ähnliche Erklärungen verabschiedet und dann in einem zweiten Schritt auch die Gesetze angepasst wurden. „Wir befinden uns an einem ziemlich traurigen und empfindlichen Moment, der für ganz Europa gefährlich ist. Wenn wir sagen: ‚Ach Werte, was bedeuten die schon?‘, dann wird das einen Moment lang funktionieren. Aber bald werden die Probleme auch in anderen Ländern losgehen. Es ist wie Krebs: Wenn wir nicht früh genug dagegen kämpfen, wird es sich weiter ausbreiten.“ Fünf der 16 polnischen Woiwodschaften, vergleichbar mit den deutschen Bundesländern, verabschiedeten inzwischen eine entsprechende Deklaration. Darunter auch Kleinpolen, die Woiwodschaft, in der Krakau liegt. Doch Krakau machte bei der homophoben Kampagne nicht mit. Stadtpräsident Jacek Majchrowski betonte in einem offenen Brief, dass Krakau eine tolerante und weltoffene Stadt sei: „Alle, darunter auch Vertreter der LGBTIQ*- Community, sind hier willkommen. Wir alle sollen uns in Krakau wie zu Hause fühlen“, schrieb er darin. Mateusz sieht Statements wie dieses kritisch. Er glaubt, hinter der Erklärung stecke vor allem politisches Kalkül. 2023 sollen in Krakau die Europaspiele stattfinden. Das bedeutet viel Aufmerksamkeit und viel Geld für die Stadt. Ausländische Politiker*innen kritisierten den Austragungsort aufgrund der Erklärung Kleinpolens zur LGBTIQ*-freien Zone und forderten, die Spiele nicht in Krakau zu veranstalten: „Krakau profitiert enorm von den europäischen Geldern. Wenn das Geld zurückgehalten wird, steckt Krakau in großen Schwierigkeiten. Das haben die Politiker*innen recht schnell verstanden“, sagt Mateusz. Mit Blick auf das Ausland unterstütze man die Community, gehe „Wenn hohe Offizielle Aggression rechtfertigen, die Täter*- innen schützen, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis alle anderen glauben, das sei normal.“ MATEUSZ

GESELLSCHAFT es aber um echte Bekenntnisse, etwa finanzielle Unterstützung, halte sich die Stadt zurück. Gleichzeitig gehen kirchliche rechtskonservative Gruppen immer aggressiver vor, um auch die etwas besser geschützten LGBTIQ*-Gemeinschaften in den Städten anzugreifen – wie in Krakau. Regelmäßig fahren Trucks mit großen Lautsprechern durch die Städte des Landes und rufen homophobe Propaganda aus. Damit schüren sie in den Großstädten den Hass und verunsichern queere Menschen. Vor einigen Monaten hatte Han endgültig genug davon. Mit ein paar anderen queeren Aktivist*innen Krakaus schloss er sich zur Bewegung „Der Regenbogen ist nicht tot“ zusammen. Gemeinsam starteten sie eine Petition, in der sie den Stadtrat aufforderten, das Fahren dieser Trucks durch Krakau zu verbieten. Dafür sammelten sie Unterschriften, organisierten Veranstaltungen und versuchten, bei der Bevölkerung ein Gegengewicht zur Homophobie von Politik, Kirche und Medien zu sein: „Das Wichtigste ist, Aufmerksamkeit zu erzeugen, die Bevölkerung aufzuklären und ein Bewusstsein für die LGBTIQ*-Community zu erzeugen“, sagt Han. Große Erfolgschancen rechnet sich DOM-EQ-Sprecher Mateusz Gędźba für die Petition nicht aus: „Um ehrlich zu sein, bin ich mir ziemlich sicher, dass der Stadtrat den Bürgervorschlag ablehnen wird – aber trotzdem hat es etwas Gutes: Es wird eine Diskussion angestoßen, die die Stadt weiter unter Druck setzen wird, etwas gegen die Trucks zu unternehmen.“ OPTIMISTISCH TROTZ ALLEM Je stärker der Gegenwind, desto selbstbewusster wird die Gemeinschaft, meint Gędźba: „Vor ein paar Jahren waren wir eine soziale Gruppe hier in Krakau. Aber wir hatten kein Bewusstsein für unsere verschiedenen Herkünfte, keine gemeinsame Identität. Mein Eindruck ist, dass Initiativen wie DOM EQ dabei geholfen haben, so eine gemeinsame Identität entstehen zu lassen.“ Wenn Han an die Zukunft denkt, ist er vorsichtig optimistisch: „Es gibt viele junge Personen, die aufstehen, ihre Stimme erheben und Pride-Proteste organisieren – mit 15 Jahren. Ich bin so stolz, dass sie vieles in die eigene Hand nehmen und viel motivierter sind, als ich es in ihrem Alter war.“ Und nicht nur die Jugend macht ihm Hoffnung für die Zukunft: „Ich sehe auch Menschen über vierzig, die sich auf einmal outen und sagen: ‚Ich habe genug von dem Scheiß‘, die protestieren gehen und sich zeigen.“ Auch Karol will sich nicht länger verstecken: „Ich versuche, sehr extrovertiert zu sein. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns als LGBTIQ*-Personen den anderen Menschen zeigen. Wenn sie uns nicht sehen, dann denken sie auch nicht über uns nach.“ Seit diesem Jahr bietet er in Krakau Tanzkurse für gleichgeschlechtliche Paare an und ist damit polenweit ein Vorreiter. „Bei heterosexuellen Paaren ist klar, der Mann führt. Aber wie ist das bei gleichgeschlechtlichen Paaren? Das bringe ich ihnen bei“, sagt er. Bis Karol coronabedingt pausieren musste, betreute er zwölf Paare. Das Feedback sei sehr positiv, berichtet Karol. Wenn er von seinen Tanzkursen spricht, erzählt er mit einer Freude, dass man meinen könnte, als schwuler Christ Tanzkurse für gleichgeschlechtliche Paare im streng katholischen Krakau anzubieten, sei das Normalste auf der Welt. Und vielleicht ist es das bald auch. Aktuell ist in Polen einiges in Bewegung. Die Menschen gehen auf die Straße, um gegen das Abtreibungsverbot zu demonstrieren, und damit auch gegen die Regierung, gegen die Einmischung der katholischen Kirche in die Politik, für Menschenrechte. Karol macht eine kurze Pause, als müsse er über die nächsten Worte gut nachdenken. Als er sich entschieden hat, bringt er diese Sätze mit einer Überzeugung zum Ausdruck, dass man ihm am liebsten glauben will: „In den Köpfen der Leute passiert etwas – langsam, aber es gibt eine Veränderung.“ *Astrid Benölken und Tobias Zuttmann „In den Köpfen der Leute passiert etwas – langsam, aber es gibt eine Veränderung.“

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