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blu Mai / Juni 2021

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GESELLSCHAFT ZWEI REPORT

GESELLSCHAFT ZWEI REPORT GESICHTER EINER STADT LANGE WIRKTE KRAKAU WIE EIN SICHERER HAFEN DER LGBTIQ*-COMMUNITY IM FEINDSELIG GESTIMMTEN POLEN. DOCH SEIT DIESEM JAHR MEHREN SICH AUCH HIER DIE ANGRIFFE AUF DIE QUEERE GEMEINSCHAFT. NUN REGT SICH WIDERSTAND GEGEN DEN HASS. Eigentlich wollte Han nur seinen Freund besuchen. Doch als er eine Straße überquerte, bemerkte er, dass ein parkender Autofahrer ihn beobachtete. „Als er mich gesehen hat, hat er den Motor angelassen – und ist in mich reingefahren“, erzählt Han, friemelt eine Zigarette aus der Packung und steckt sie sich zwischen die Lippen. Er verharrt einen Moment, bevor er sie anzündet, und blickt in die Ferne, als sehe er dort die Situation, in der er vor ein paar Monaten am Stadtrand von Krakau war. „Der Typ machte das Fenster runter und starrte mich böse an. Er sagte nichts, bis ich weggerannt war.“ Das Auto hatte nicht genug Geschwindigkeit, um Han ernsthaft zu verletzen. Trotzdem ging an diesem Tag etwas kaputt: Krakau ist Hans Heimat, hier wurde er geboren. Und doch fühlt sich der 21-Jährige nun nicht mehr sicher, denn Han möchte sich nicht festlegen, welchem Geschlecht er sich zugehörig und von welchem er sich angezogen fühlt. Bisexuell, non-binär, queer – es gibt viele Labels, mit denen er sich identifiziert. Jedes einzelne ist gefährlich, wenn es die falsche Person in der falschen Ecke Krakaus zur falschen Uhrzeit erkennt – oder sich von seinen auffälligen roten Haaren provoziert fühlt. Es sind die zwei Seiten einer Stadt, die damit ringt, wer sie ist und wer sie sein möchte. Im Zentrum der 800.000-Einwohner-Metropole gibt es queere Klubs, Regenbogenfahnen hängen in den Fenstern. An den Stadträndern, wo die Häuserblocks abgelöst werden von Einfamilienhäusern mit Garten und Garage, ist es für Han, als sei er in einer anderen Stadt. „Wenn ich an die Stadtgrenze gehe, bekomme ich seltsame Blicke, ich werde angeschrien, auf mich wird gezeigt und ich werde verfolgt“, sagt Han, setzt die Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug. Krakau bei Nacht ist ein anderer Ort als Krakau bei Tag. Sich bloß nicht von der Gruppe trennen, nicht alleine unterwegs sein, nicht auffallen: Han kennt die Regeln, er erinnert seine Freunde daran, wenn sie abends gemeinsam unterwegs sind. Muss Han alleine los, hat er inzwischen eine Dose Pfefferspray bei sich, „nur für den Fall“. Außerdem trainiert er seit einigen Monaten Selbstverteidigung, „weil viele meiner Freunde angegriffen worden sind, vor allem in letzter Zeit.“ MIT MESSERN GEJAGT In diesem Jahr häufen sich die Angriffe auf queere Menschen, beobachtet Mateusz Gędźba. „Die Gewalt von Bürger*innen gegenüber der LGBTIQ*-Community wächst. Im Sommer hatten wir einige besorgniserregende Vorfälle, bei denen queere Menschen vor Schwulenbars wie dem „Club Papuga“ mit Messern gejagt wurden“, sagt er. Mateusz ist Vorstandsvorsitzender von DOM EQ, einer Föderation, die verschiedenste LGBTIQ*- Gruppierungen zusammengebracht hat. Gemeinsam versuchen sie, die Situation für queere Menschen in Krakau zu verbessern. Im vergangenen Jahr eröffnete das Team ein Gemeinschaftszentrum: ein altes Einfamilienhaus, mit Glitzer am Zaun und Regenbogenlichterkette, umfunktioniert zum queeren Hauptquartier Krakaus. Hier treffen sich verschiedene Selbsthilfegruppen, der queere Chor probt in den Räumen und Literaturliebhaber*innen organisieren Gedichtlesungen. Für Mateusz mit am wichtigsten sind die Beratungsangebote. Sowohl rechtlich als auch psychologisch können sich

GESELLSCHAFT LGBTIQ*-Personen hier helfen lassen: „Wenn jemand selbstmordgefährdet ist, lädst du ihn nicht auf ein Bier in einer Bar ein“, sagt der 36-Jährige. Deshalb sei es so wichtig gewesen, einen sicheren Ort wie das DOM EQ zu schaffen. Wie es scheint, ist DOM EQ gerade zur rechten Zeit entstanden. Mateusz erschreckt, wie schnell Szenen wie vor der Schwulenbar Papuga Alltag geworden sind, wie selbstverständlich die LGBTIQ*-Community zur Zielscheibe wahlloser Angriffe. Für ihn ist klar, wer dafür verantwortlich ist: „Der Ton wird von oben angegeben, das ist mehr als deutlich. Wenn hohe Offizielle im Staat nach Aggression rufen, sie rechtfertigen, die Täter*innen schützen, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis alle anderen glauben, das sei normal.“ Auch Han hat bemerkt, wie sich die Stimmung in Krakau seit der letzten Wahl verändert hat. Trotzdem geht er weiter feiern, Freunde besuchen, versteckt seine roten Haare nicht unter der Kapuze: „Ich will nicht so viel Angst haben, dass ich nicht mehr mein Leben leben kann.“ „MEINE KIRCHE HASST MICH“ Nicht nur die Politik ist Auslöser für die wachsende LGBTIQ*-Feindlichkeit. Auch die katholische Kirche ist eine treibende Kraft des Hasses. Von einer „Regenbogenpest“ sprach der Erzbischof von Krakau, Marek Jedraszewski, im Sommer 2019. Nicht sein erster Kommentar gegen die queere Community und nicht sein letzter. Regelmäßig stellt er die LGBTIQ*- Gemeinschaft als eine Ideologie des „Wenn ich an die Stadtgrenze gehe, bekomme ich seltsame Blicke, ich werde angeschrien, auf mich wird gezeigt und ich werde verfolgt“ HAN

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blu, hinnerk, gab, rik, Leo – die Magazine der blu Mediengruppe erscheinen monatlich in den Metropolen Deutschlands. Die nationale Reichweite der Magazine ermöglicht den reisefreudigen Lesern Zugriff auf alle Informationen immer und überall. Themenschwerpunkte sind neben der regionalen queeren Szene, Kultur, Wellness, Design, Mode und Reise. Unsere Titel sind mit der lokalen Community jahrzehntelang gewachsen und eng verbunden, was durch Medienpartnerschaften mit den CSD-Paraden in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sowie zahlreiche Kooperationen, wie der Christmas Avenue in Köln, seinen Ausdruck findet.