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blu Januar/Februar 2020

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GESUNDHEIT INTERVIEW

GESUNDHEIT INTERVIEW VOLKSKRANKHEIT CHRONISCHE SCHMERZEN Frauen haben Migräne, Männer Rückenschmerzen. Das sind die wohl bekanntesten Formen von Schmerzerkrankungen mit ihrer klassischen geschlechtlichen Zuordnung. Was gerne als „Zipperlein“ abgetan wird, ist in der Realität ein wachsendes medizinisches und gesellschaftliches Problem. Wenn aus dem vermeintlichen Zipperlein chronische Leiden werden, hat dies unter Umständen große Folgen für den Betroffenen, sein privates und sogar berufliches Umfeld. Die Tagesklinik für Schmerzmedizin des Wenckebach-Klinikums in Berlin bietet ein innovatives biopsychosoziales Behandlungskonzept, das wir uns vor Ort von Oberärztin Dr. Friederike Taraz für euch erklären ließen. Ist es richtig, von der Volkskrankheit chronische Schmerzen zu sprechen? Die Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen sind viel häufiger geworden. Im Gegenzug sind die Krankheitstage wegen körperlichen Beschwerden zurückgegangen. Das liegt nicht daran, dass Leute heutzutage körperlich gesünder sind, sondern weil die Betrachtungsweise eine andere geworden ist. Bei Rückenschmerzen kann es z. B. eine psychische Diagnose geben, also eine chronische Schmerzstörung mit psychischen und somatischen Faktoren. Unser Hirn ist plastisch. Es ist veränderbar. Man weiß bei chronischer Schmerzstörung gibt es eine Sender-Empfänger-Störung. Der Auslöser ist dann kein akutes Problem, sondern oft die Erinnerung an alte Schmerzen und die Angst vor erneuten Schmerzen. So wird der Körper überströmt vom Gefühl chronischer Schmerzen. Ab wann ist meine Migräne chronisch und ich wäre ein Fall für diese Tagesklinik? Eine chronische Schmerzstörung liegt vor, wenn man mehr als sechs Monate Schmerzen hat. Jemand hat eine körperliche Ursache wie z. B. Arthrose, Rheuma, die von Ihnen genannte Migräne, Bandscheibenvorfall oder Hüftbeschwerden. In der Folge kommt es dazu, dass die alltäglichen Aufgaben nicht mehr so gut bewältigt werden und die Stimmung sich deshalb verschlechtert. Sozialer Rückzug

GESUNDHEIT und die Entwicklung von Zukunftsängsten können folgen: Wie soll es weitergehen mit dem Geld und dem Job? Behalte ich meine Stelle? Kann ich mich noch so um die Kinder kümmern, wie ich das gern möchte? Deshalb sprechen wir von einem psychosomatischen Krankheitsbild. Ausgehend vom Körper macht der Schmerz etwas mit der Psyche und das hat zusätzlich eine soziale Dimension. Wir versuchen, unseren Patient*innen ein biopsychosoziales Krankheitsmodell nahezubringen. Also ist der Spruch „Schatz ich hab Migräne” doch ein psychisches Problem? Nein. Wie gesagt: Es liegt eine körperliche Ursache vor. Aber die Psyche hat darauf Einfluss, wie der Körper damit umgeht. Ein Beispiel: Jeder von uns kennt das: Wenn man wenig geschlafen hat, sich ärgert und sich dann den Fuß vertritt – das tut viel mehr weh, als wenn man gerade dabei ist, den Gipfel zu stürmen, an einem sonnigen Tag und zusammen mit den besten Freunden. Da merkt man es kaum. Die Schmerzwahrnehmung ist durch Stimmungen sehr beeinflussbar und bei chronischen Schmerzen ist das sehr komplex. Es sind viel mehr Menschen von chronischen Schmerzen betroffen, als man denkt. Diese kommen also nicht wegen der Migräne hierher, sondern weil die Belastung durch diese körperliche Erkrankung größer ist, als bei anderen. Die daraus entstehende Frage ist: Warum verselbstständigt sich der Schmerz bei dem einen und bei dem anderen nicht? Warum entsteht bei dem einen aus Rheuma eine chronische Schmerzstörung und der andere hat „nur“ mit Rheuma zu kämpfen? Welche Erklärungsansätze haben Sie denn zum Beispiel? Ein wichtiger Punkt ist die Kindheit, in der der Mensch lernt, wie er mit Krankheiten und körperlichen Empfindungen und Bedürfnissen umgeht. Jeder wird in seiner Familie und in seiner Zeit groß. Jeder macht also individuelle Erfahrungen und entwickelt Verhaltensmuster, nach denen er mit körperlichen Störungen umgeht. Mit diesen erlernten Mustern kommen die meisten gut zurecht. Allerdings gibt es auch Situationen, in denen neuartige Einflüsse oder auch einfach zu viel gleichzeitig zusammentrifft, sodass diese Muster versagen. Dann schafft man es nicht mehr und greift zum Beispiel zur vermeintlich schnellen, medikamentösen Lösung nach dem Prinzip ‚ist nicht so schlimm. Ich nehme einfach noch eine Tablette und gut ist.‘ „Unser Ziel ist die Ermöglichung von Entstressung – durch Informationen, Gespräche, gemeinsame Erlebnisse, Entspannungs- und Achtsamkeitsund Bewegungsübungen, Ernährungsumstellung und ein besseres Verständnis von sich selbst.“ Und was wäre besser? Wir stellen uns mit unseren Patient*innen die Frage, wie wir einen Paradigmenwechsel erreichen können, wie die erlernten Muster infrage gestellt und erweitert werden können. Welche Verhaltens- und Behandlungsmöglichkeiten gibt es noch? Wir versuchen mit den Patient*innen hier in der tagesklinischen Therapie einen neuen Ressourcen-Rucksack zu packen. Keinen Notfall-Koffer im Sinne von: Es ist zu spät, das muss ich jetzt tun (die Schmerztablette nehmen zum Beispiel), sondern ein Paket von Maßnahmen, die ich einsetzen kann, wenn erste Anzeichen dafür eintreten, dass es schwierig werden kann. Ein Inhalt dieses Rucksackes kann die Ernährung sein. Wie könnte ich mich so ernähren, dass mein Gewicht im Rahmen ist und mein Skelett es tragen kann? Warum ist es sinnvoll, Obst und Gemüse zu essen? Warum sollte ich auf Koffein verzichten? Sie kochen hier vegetarisch sehe ich. Ist das medizinisch besser? Nein. Wir dürfen in diesem Bürogebäude keine Fleischabfälle produzieren. Bei der Ernährung ist uns wichtig, dass die Patient*innen die Grundzüge einer schmerzmodifizierenden Ernährungsweise verstehen. Es ist sinnvoll, bei chronischen Schmerzen regelmäßig zu essen – viel Obst, viel Gemüse, Nüsse und sich den Kaffee aufzusparen, wenn man Migräne hat. Koffein ist ja ein gutes Therapeutikum und sollte nicht genutzt werden, um sich vermeintlich belastbarer zu machen. Ich soll auf meinen Kaffee verzichten? Viele trinken viel Kaffee. Wir haben immer wieder Patient*innen, die trinken morgens einen Kaffee direkt nach dem Aufstehen, und noch einen, wenn sie im Büro ankommen. Im Laufe des Vormittags trinken sie noch einen Kaffee und dann noch einen im Laufe des Nachmittags und einen letzten Kaffee, wenn sie dann nach Hause kommen. Im Endeffekt können sie aber nicht oder schlecht einschlafen, weil sie zu dem Drittel der Bevölkerung gehören, die sehr koffeinsensibel sind und bei denen es bis zu 72 Stunden dauern kann, bis das Koffein abgebaut ist. Was macht man dann? Entweder man nimmt eine Schlaftablette oder trinke noch ein Bier. Dadurch ist die Schlafarchitektur gestört. Und was hilft, wenn man am nächsten Morgen zeitig aufstehen muss – ein Kaffee. Wie oft putscht man sich also mit Kaffee, obwohl der Körper eigentlich sagt: „Es ist genug!“ Das heißt, wir sprechen darüber, mal eine Woche keinen Kaffee zu trinken. Oft bekommt man als „Entzugserscheinung“ Kopfschmerzen, aber dann hat man es meistens auch schon überstanden. Die Idee ist, dass die Patient*innen merken, wie oft sie Essen und /Trinken als Stimmungsmodifikation einsetzen. FOTO: REGINA SABLOTNY Neben Kaffee ist auch die Schmerztablette selbstverständlicher Alltagsbegleiter vieler Menschen. Wie gehen Sie damit um? Wir sprechen darüber, wie mit Medikamenten umgegangen wird und welche Erwartungen der Einzelne diesen gegenüber hat. ‚Wenn ich eine Paracetamol nehme, bin ich den ganzen Tag schmerzfrei‘ – das ist unrealistisch. Viele nehmen auch viel zu viele Schmerzmittel. Aus Angst vor Schmerzen wird zum Beispiel rein prophylaktisch zur Schmerztablette gegriffen. Andere dagegen nehmen keine Medikamente, obwohl es für sie hilfreich wäre. Der Schlüssel ist das richtige Medikament, in der richtigen Dosierung, zum richtigen Zeitpunkt und mit den richtigen Indikationen. Genauso kann aber auch eine äußere Anwendung

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